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Texte & Reden

The St. Georg quarter belongs to the district(-authority) “Hamburg-Mitte”. The quarter’s limits are in the northwest the outer Alster Lake, in the south and west the railway tracks. In the northeast the St. Georg hospital (used to be property of Hamburg, privatized 10 years ago) marks the border to the district Hamburg Nord. The hospital, named after Saint George and originally dating from the middle ages, became the namesake for the whole quarter.

St. Georg was originally situated outside the walls of Hamburg, it was integrated into the city of Hamburg only 1868, a date that marks the beginning of the first building boom.  On 1.8 square Kilometres about 12.000 people are living here today, part of them in older cheap flats, but more and more in expensive owner occupied flats. The latter are either newly built or originate from luxury modernized older flats in houses from the 19. Century. Parts of the quarter nowadays are under monument protection.

More than 20.000 workplaces and more than 20.000 hotel beds, too, in and around St. Georg. That means you meet more employees or tourists than inhabitants here.

During the last 20 years, an increasing number of new houses have been built (and still are being built), that means a rise of the average rent in the quarter. Especially along the Lange  Reihe owner occupied flats belong to the most expensive in Hamburg. St. Georg benefits of its excellent transport connections. Part from the main railway station (opened 1906) there are two other local transport stations inside the quarter. By means of this infrastructure, you can reach St. Georg with all underground- and suburban train lines. Furthermore, the Central Bus Station (ZOB) is situated on St. Georg grounds. After the liberalization of long distance bus traffic the number of long distance buses to and from all parts of Europe starting and ending in St. Georg has highly increased. Some parts of St. Georg still have to cope with a high crime rate, especially drug trafficking and illegal prostitution.

Main and central institutions like the house of the DGB (german federation of trade unions, since 1907), many advisory centres. Quite a lot of religious centres, too.

Many active citizens, organized in several registered associations, such as the Geschichtswerkstatt (historical workshop), Bürgerverein (citizen’s association) and Einwohnerverein  (inhabitant’s association). Regular public participation since 1978, when the redesign around the „Lange Reihe“ began. St. Georg – because of its central position in the city of Hamburg – has to carry the burden of nearly all social problems you can think of, prostitution, drug trafficking, impoverished drug users, homeless people from other countries, youngsters having run away from home. However, the inhabitants always came to solutions for their living together, if necessary against the authorities, may be the district authority or the main administration of the city.

Used to be home of poor people, foreign guestworkers, refugees until the seventies of the last century. Buildings were not taken care of; there were many gaps between the houses where the bombs had destroyed buildings or parts of them. Some thought about demolishing and rebuilding St. Georg in a futuristic style.

In 1978, the enhancement began along the Lange Reihe, an architectural and social redesign was the aim of the city. Real property companies, from not only Hamburg or Germany, but all around Europe have begun to focus on the possible profits here. In German investors talk about “Betongold”, gold made of concrete.

HANSAPLATZ

The fountain dates from 1878, the sculptures represent historic persons such as Charlemagne, the upper sculpture „Hansa“ is an allegory of the Hanseatic League, trading cooperation of merchants from north German and Baltic cities in the middle ages). A redesign or renovation of the square was carried out by the city for two and a half million Euros some years ago. The aim was ousting of the homeless drunkards, partly migrants from southeastern Europe who like to stay on the square, for some people the crime of
loitering. And they wanted to get rid of the prostitution. A special invention of social democrats in Hamburg: prohibition of contact, fines for punters and prostitutes. The square should become attractive for tourists and of course, the new owners of the flats around the square did not want to see and hear the phenomena you can find on the wrong side of the tracks behind the main railway stations in any European city.

BesenbinderhofVortrag auf dem Abschlussempfang des »Tages des offenen Denkmals 2017« im Musiksaal des Hamburger Gewerkschaftshauses am 10.9.2017
von Michael Joho, Geschichtswerkstatt St. Georg e.V.

 

Liebe Frau von Jagow, sehr geehrter Herr Senator Dr. Brosda, meine Damen und Herren!

Gleich vorweg: Meines Erachtens hätten wir diese Veranstaltung auch gerne im Cityhof, im Feldbunker oder in der Schiller-Oper durchführen können!

Ich freue mich aber auch besonders, dass der diesjährige Abschluss des Tages oder besser: der Tage des offenen Denkmals 2017 in St. Georg, im wiederhergerichteten Musiksaal des Gewerkschaftshauses, also einem vor allem sozial und politisch gekennzeichneten Ort, stattfindet. Nicht nur der Saal, der gesamte Gebäudekomplex rückt damit für einen kleinen Moment ins Bewusstsein einer größeren, über die gewerkschaftlichen Kreise hinaus gehenden Öffentlichkeit. Mehr als 150 TeilnehmerInnen waren es bei den  Führungen durch das Gewerkschaftshaus heute Nachmittag. Mehr Sichtbarkeit, mehr Publikum kann dem Gewerkschaftshaus nur gut tun. Denn die Wahrnehmung heutzutage, gar die Frequentierung dieses historischen „Zukunftsstaats am Besenbinderhof“ („Hamburger Nachrichten“, 20.2.1909) ist doch eine grundlegend andere als vor einem Jahrhundert. Versetzen wir uns einige Minuten zurück, in die Zeit vor bzw. um 1900.

Der Besenbinderhof – schon im 17. Jahrhundert benannt nach einer bekannten Kneipe – war vor gut 100 Jahren noch eine vergleichsweise beschauliche Straße, mit zweiund dreigeschossigen Häuserchen, parallel verlaufend zur verkehrsreicheren Großen Allee. Bekanntester Bewohner – ehemals – war der Hamburger Ratsherr und Dichter Barthold Heinrich Brockes (1680-1747), der hier seinen Sommersitz mit prächtigem Barockgarten hatte, das „Irdische Vergnügen in Gott“ sozusagen. Dank Burchard Bösche und der Kunststiftung Heinrich Stegemann gibt es seit November 2016 eine Gedenktafel für Brockes gleich neben der Büchergilde.

Auf dem Besenbinderhof hatte aber auch 90 Jahre lang (bis 1907) das „Tivoli“ seinen Sitz, Hamburgs größtes Garten- und Vergnügungslokal mit einer legendären Rutschbahn den Geestabhang hinunter.

Überhaupt der Geestrücken, auf dem sich der Besenbinderhof befindet. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts – bis zur Lindley’schen Entwässerung und der Bebauung der Marschlandschaft des Hammerbrooks – hatte man von hier oben einen noch völlig unverstellten Blick bis zur Bille und Elbe. Für Brockes und andere Honoratioren der Stadt war genau das der Grund, an diesem Geestabhang im 17./18. Jahrhundert Sommerhäuser zu unterhalten.

Warum nun aber entstand hier 1906 das Gewerkschaftshaus? Vor allem, wenn man sich die heutige Lage vergegenwärtigt. Und sich das Gefühl nicht verkneifen kann, dass diese „geistige Waffenschmiede des Proletariats“ (so bekanntermaßen August Bebel am Tag der Einweihung am 29.12.1906) einen buchstäblich etwas verlorenen Eindruck macht:

Nach „vorne“ mein Stadtteil St. Georg, in dem heute rund 10.500 Menschen leben, inzwischen überlagert von mehr als 40.000 Büroarbeitsplätzen. Nach „hinten“ der Hammerbrook, der erst in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten bebaut und zu einer wenig ansehnlichen Bürostadt mit gerade mal 4.000 BewohnerInnen geworden ist,  genannt die „City Süd“. Verlorenes Terrain, wie ich als St. Georger sagen muss!

Schauen wir aber ein gutes Jahrhundert – sagen wir, auf das Jahr 1900 – zurück, stellte sich die Lage ganz anders dar: Nach vorne St. Georg-Nord mit seinen fast 44.000 BewohnerInnen, ein vor der Eröffnung des Hauptbahnhofs am 6.12.1906 noch kleinbürgerlich dominiertes Mischviertel mit nur wenigen Arbeiterwohnstraßen.

Aber nach hinten lag mit St. Georg-Süd – wie der Stadtteil bis zum Groß-Hamburg-Gesetz 1937 noch hieß – das größte, nahezu homogene Proletarierquartier Hamburgs. 1900 lebten hier 53.000 Menschen, weit überwiegend aus einfachen Arbeiter- und Handwerkerhaushalten.

Das war das Milieu, in dem August Bebel (1840-1913) seine Stimmen bei den Reichstagswahlen bekam. Zwischen 1883 und 1893 und von 1898 bis zu seinem Tod 1913 wurde der legendäre Führer der deutschen Sozialdemokratie als Hamburger Abgeordneter entsandt. Im Wahlbezirk 41 (Hammerbrook und Süderstraße) bekam seine Partei 1890 sage und schreibe 94 % der Stimmen. Bezeichnenderweise führte die Süderstraße schon seit 1883 im Volksmund den Namen „Bebels Allee“.

Als das Gewerkschaftshaus 1906 seinen Betrieb aufnahm, hatte es also zumindest ein proletarisches Hinterland. Es stimmt mich bisweilen doppelt traurig, dass dieses im  Juli/August 1943 im Bombenhagel des Unternehmens „Gomorrha“ unterging.  So viel zu der heute vielleicht etwas seltsam anmutenden Standort des Gewerkschaftshauses, das zu einem Teil Opfer der veränderten topographischen Lage geworden ist und heute nicht gerade von Publikum überlaufen wird.

Aber das hat natürlich auch etwas mit dem veränderten Bewusstsein und Verhalten großer Teile der Bevölkerung zu tun. Wir sind hier im Erweiterungsbau des  Gewerkschaftshauses von 1913, im historischen Musiksaal mit seinen 400 Plätzen (heute!). Schätzen Sie mal, wie viele Menschen am 29.12.1906 in den verschiedenen, miteinander verbundenen Sälen des gerade eingeweihten Altbaus Platz fanden: Nicht 1.000, nicht 2.000, 5.000 Menschen passten alleine in den Altbau, und noch einmal weitere 3.000 nach der Fertigstellung des Erweiterungsbaus 1913. Und seien Sie gewiss, dass das Haus öfters überfüllt war!

Karl Odenthal, einer der drei Geschäftsführer der 1904 gegründeten Gesellschaft Gewerkschaftshaus Hamburg GmbH schrieb 1924 über das „Heim der Hamburger Arbeiter“:  „Man muss gesehen haben, wie das Leben im Hause vibriert. Ständiges Kommen und Gehen. Hunderte, Tausende besuchen am Tage ihre Organisationen. Das Treppenhaus ist an manchen Stunden des Tages für die Menschen zu eng. Viel Elend wird durch die Enge hinaufgeschleppt, auch viel Zufriedenheit herunter.“

Das Gewerkschaftshaus war damals etwas Anderes als heute, man mag sich das als eigenen Kosmos vorstellen. Es zog täglich Tausende an, hatte offenbar eine enorme
Anziehungskraft und erfüllte eben auch beträchtlich mehr bzw. heute nicht mehr vorhandene Funktionen. Und dies ab 1906 nicht nur in Hamburg – die Zahl der  Gewerkschaftshäuser wuchs von ca. 15 um die Jahrhundertwende sprunghaft auf 80 bis 1914 an.

Schauen wir kurz auf die unmittelbare Vorgeschichte, die zum Hamburger Gewerkschaftshaus führte. Zunächst einmal erforderte das rapide Wachstum der Verbände nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 schlicht neue Arbeits- und Büroräume. In Hamburg waren dabei nicht nur die rund 37.000 Mitglieder (1900) zu beraten und zu  verwalten, hier hatten in den 1890er Jahren immerhin 25 von 57 gewerkschaftlichen Zentralverbänden ihren Sitz, darunter bis 1902 die „Generalkommission der  Gewerkschaften Deutschlands“

Zum zweiten stand die Arbeiterbewegung mit ihrer geradezu explodierenden Organisationsvielfalt vor der Herausforderung, große Säle für Versammlungen, aber auch gesellige Treffpunkte zu schaffen. Hier und da ließ sich in großen Lokalitäten tagen, aber letztlich standen die Gastwirte vor der Entscheidung, entweder dem trinkfreudigen Militär oder den Arbeiterorganisationen den Vorrang einzuräumen. Beides zusammen ging nicht oder war seitens der Militärbehörden sogar untersagt. Eigene Versammlungsmöglichkeiten wie auch ein großes Arbeiterlokal zu haben, lag daher auf der Hand.

Ein dritter Aspekt ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten: das Phänomen reisender Gesellen und Arbeiter. 1893 waren es alleine 10.000, die in Hamburg zunächst ihre  Gewerkschaft aufsuchten, um a) eine Reiseunterstützung zu bekommen, b) natürlich einen Tipp, wo es Arbeit gab, und c) eben auch eine Unterkunft. Eine Zentralherberge war daher bei den Überlegungen für ein Gewerkschaftshaus von Anbeginn mit in Betracht gezogen.

Die Geschichte der Umsetzung dieser Motive ist schnell erzählt: Bereits 1894 setzten die Hamburger Verbände vorübergehend eine Gewerkschaftshauskommission ein, die allerdings mangels ausreichender Mittel nichtlange Bestand hatte.

Doch erst 1900 gab es einen Beschluss, den Bau eines eigenen Hauses anzugehen und dafür dann auch einen Baufonds einzurichten. Der speiste sich tatsächlich aus den berühmten „Arbeitergroschen“, aus Beiträgen der Gewerkschaften, der SPD und weiterer sozialdemokratischer Organisationen.

1902 mietete das Gewerkschaftskartell dann vorläufig die Arbeiterkneipe „Lessinghalle“ am Gänsemarkt 35 an. Dazu weitere sechs Büroräume bei Bedarf und gegen Aufschlag ein größeres Clubzimmer.

1904 wurde dem Kartell dann das 2.300 qm große Grundstück Besenbinderhof 60-66 angeboten. Das Grundstück wurde erworben, durch Zukäufe bis 1912 auf insgesamt 4.390 qm erweitert.

Gleich anschließend – am 12.6.1904 – wurde die bereits erwähnte Gewerkschaftshaus Hamburg GmbH gegründet, bestehend aus Vertretern der Gewerkschaften, der SPD, des „Hamburger Echo“ sowie des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“ eGmbH.

Im Gefolge der Ende 1904 erfolgten Ausschreibung für den Neubau eines Gewerkschaftshauses mit Büroräumen, Versammlungs- und Festsälen, Restaurants und Herberge wurden insgesamt 25 Entwürfe eingereicht. Wettbewerbssieger waren Heinrich Krug und Albert Krüger, deren beider Skizzen zu einem gemeinsamen Entwurf umgearbeitet werden sollten. Nach Konflikten zwischen den beiden Architekten blieb Heinrich Krug allerdings alleine übrig; er gilt daher als Erbauer des Gewerkschaftshauses.

Nach dem Abriss der Vorgängerbebauung – konkret wohl einer kleinen „Jalousie- & Holzspan-Tapeten-Fabrik“ – erfolgte der Baubeginn am 18.8.1905.

Insgesamt 1,5 Mio. Mark mussten aufgewendet werden, um das Grundstück zu erwerben und den Bau fertigzustellen. Bereits am 11.6.1906 war Richtfest, die Einweihung – wie o.a. – datiert vom 29.12.1906. Fast sieben Monate nach Einweihung des Bismarck-Denkmals (am 2.6.1906) und drei Wochen nach Eröffnung des Hauptbahnhofs (am  6.12.1906).

Der Stolz nicht nur der hamburgischen Arbeiterbewegung auf dieses Gebäude war überwältigend. Alleine der Umstand, dass es „keinerlei Arbeitsunfälle“ gegeben habe, unterstrich nach eigenem Verständnis die Überlegenheit der organisierten Arbeiterklasse, die im 20. Jahrhundert endlich die Früchte des jahrzehntelangen Ringens einfahren  Würde... Bebel fasste dies in seiner Festansprache am 29.12.1906 u.a. in diese Worte: „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass neben dem Rathause und dem Zentralbahnhof als dritte bauliche Sehenswürdigkeit unser Gewerkschaftshaus zu nennen sei. Man wird jetzt Respekt haben vor dem Können der so viel verachteten Arbeiterklasse.“

Von bürgerlicher Seite wurde der Bau jedoch überwiegend kritisiert, kleingeschrieben oder gleich ganz ignoriert. Der Hamburger Kunstschriftsteller Paul Bröcker (1875-1948)  beispielsweise erwies der Arbeiterschaft in seiner Schrift „Über Hamburgs neue Architektur“ (1908) zwar eine gewisse „Achtung vor der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“, kritisierte aber böse, dass „die ganze Front des Gewerkschaftshauses und sein Dach (…) eine einzige große Kulisse (sind), nur nicht aus Farbe auf Leinwand gepinselt, sondern aus teurem Material, das in dieser Art angewandt nichts mehr und nichts weniger als eine namenlose Verschwendung von Geld und Schweiß ist. So baut der Parvenu, der  Emporkömmling, der Gernegroß: so baut einer, der zeigen will, dass er es auch so kann, wie die Leute, die er als Protzen und seine Feinde bekämpft.“

Parvenüs und Emporkömmlinge hin oder her, dem weiteren Aufstreben und Wachstum der Arbeiterbewegung hat dieses Genörgel keinen Abbruch getan.

Weitere Gebäudekomplexe kamen hinzu: ein neu errichtetes (inzwischen wieder abgerissenes) Hinterhaus 1908/09 und ein erworbenes dreigeschossiges Wohngebäude  (rechts), das 1909/10 als „Hotel Gewerkschaftshaus“ diente, aber bereits 1911 zu Büroraum umgewidmet wurde. Vor allem aber entstand 1912/13 (links) vom Altbau für 1,3 Mio. Mark ein Erweiterungsbau nach den Plänen des Hamburger Architekten Wilhelm Schröder. Hamburgs Gewerkschaften zählten inzwischen fast 120.000 Mitglieder, mehr als dreimal so viele, wie ein gutes Jahrzehnt zuvor.

Für den neuen Trakt musste ein Teil des Altbaus abgerissen werden, um die beiden Gebäudeteile miteinander zu verbinden und das Restaurant nochmals zu vergrößern. Die versetzten Teile sind noch heute erkennbar, wenn man – sozusagen auf der Höhe des Treppenhauses – vom Alt- in den Neubau wechseln möchte. Was leider heute kaum möglich ist, weil die Verbindungen auf den Etagen – aus Sicherheitsgründen – verschlossen sind.

Am 3.10.1913 wurde das erweitere Gewerkschaftshaus eingeweiht, die Grundfläche hatte sich – wie bereits angemerkt – von ursprünglich 2.300 auf 4.390 qm nahezu verdoppelt. Entstanden war damit das damals größte Haus der deutschen Gewerkschaftsbewegung überhaupt. Und – laut Hamburger „Bau-Rundschau“ (von 1921) auch das schönste, mit wunderbaren Holzfriesen und -plastiken, mit den von den einzelnen Gewerken finanzierten Mosaikfenstern im Restaurant – Reste sind im 10. Stock des Altbaus zu bewundern – und schließlich dem Musiksaal , in dem wir uns heute Abend befinden. Bis 1977 blieb das im Wesentlichen auch der Gesamtzustand des Ensembles, von kleineren Eingriffen und den Weltkriegszerstörungen der beiden Turmhauben, des Daches und der oberen Etagen einmal abgesehen.

Um zusammenfassend die Vielfalt der Räumlichkeiten und der Nutzungen zu veranschaulichen, will ich noch einmal aufzählen, was dieser Komplex kurz vor dem Ersten Weltkrieg beherbergte: Versammlungsräume für bis zu 8.000 Personen, mehrere Gaststätten, 83 Büros, 23 (24?) örtliche Zahlstellen von Gewerkschaften, sechs Gauverwaltungen, drei Vorstände von Zentralverbänden, das Arbeitersekretariat, das Gewerkschaftskartell, die Rechnungsstelle der Volksfürsorge, die  Bauarbeiterschutzkommission, die Verwaltung des Hauses, die Wohnung des Ökonomen, ein Krankenkassenbüro, einige Arbeitsnachweise, Anlaufstellen für Arbeitssuchende die Bibliothek samt Lesezimmer der Zentralkommission für das Arbeiterbildungswesen und eben den Musiksaal, in den damals noch 600 Personen durften (heute nur noch 399).

Und dieses Angebot fand auch – vorsichtig formuliert – die gebührende Nachfrage, weit über die Gewerkschaften im engeren Sinne hinaus. Der ASB wurde hier 1907 gegründet, die Freidenker bezogen hier im gleichen Jahr Quartier, 1918/19 hatte der Arbeiter- und Soldatenrat hier seinen Sitz, bald darauf kam die Volksbühne unter, 1920  der Gemeinnützige Bestattungsverein, später die Buchhandlung „Auer“ und das Kartell für Arbeiterbildung, Sport und Körperpflege Groß-Hamburg; 1922 tagte hier die Gründungsversammlung der BGFG, die Gewerkschaftstage des ADGB 1908 und 1928 fanden den nötigen Platz, 1923 die Kongresse der Sozialistischen Jugend-Internationale  und der Sozialistischen Arbeiterinternationale, 1926 kam hier die Internationale der Arbeitersänger zusammen.

Ein Ende nahmen all diese Aktivitäten am 2. Mai 1933, als SA- und SS-Männer das Gewerkschaftshaus, die Volksfürsorge An der Alster und sämtliche anderen Gebäude der  gewerkschaftsverbundenen Arbeiterbewegung in ganz Deutschland brutal besetzten. NSBO-Transparente wurden an diesem bitteren Tag aufgehängt, alle schwarz-rot-goldenen Fahnen verbrannt, wie auch ein großer Teil der Bibliothek am 30.5.1933 auf dem Lübeckertorfeld. Eine Gedenktafel am heutigen Haupteingang erinnert an dieses dramatische Ereignis.

Im Gebäude machte sich die Deutsche Arbeitsfront breit, bis der Nazi-Herrschaft im Mai 1945 ein Ende gesetzt wurde. Beim symbolischen Befreiungs- bzw. ReinigungsAkt am 14.9.1945 meißelte der Baugewerkschafts-Leiter, Paul Bebert, das aufgesetzte Zahnrad von der Wand des Hauses endlich wieder ab.

In den ersten Nachkriegsjahren und -jahrzehnten hat das Gewerkschaftshaus nur noch abgeschwächt an den früheren Besuchszahlen anknüpfen können. Die Zerstörung des proletarischen Hinterlandes, aber eben auch die allgemeinen Veränderungen in der Gesellschaft forderten ihren Tribut.

Immerhin, ein reger Theaterbetrieb setzte für viele Jahre neue Akzente, von den ersten Aufführungen des hier von 1945 bis 1949 untergebrachten Deutschen Schauspielhauses über das 1949 eröffnete Theater am Besenbinderhof von Kurt Collien bis hin zu den „haarigsten“ Aufführungen „in der Geschichte der Tonkunst“ (HA, 18./19.10.1969): dem Musical „Hair“ 1969.

Froh können wir sein, dass ein geplanter Abriss des Gewerkschaftshauses zugunsten eines „modernen Glasbaus“ nach mehrjähriger Debatte 1973 ad acta gelegt wurde. Froh können wir auch sein, dass nach der Ver.di-Gründung 2001 die Entscheidung fiel, die in der neuen Gewerkschaft aufgegangene DAG-Verwaltung vom Johannes-Brahms-Platz  an den Besenbinderhof zu verlagern. Dadurch war die Fortführung des historischen Gewerkschaftshauses, dieser so bedeutsamen Wirkungsstätte der hamburgischen  Gewerkschaften bis auf Weiteres gewährleistet. Und froh bin ich auch persönlich darüber, dass mit der Restaurierung des alten Musiksaales und seiner Einweihung am  23.11.2016 wenigstens ein großer Saal wieder hergerichtet worden ist. Er erinnert damit an die großen Traditionen, an die massenwirksamen Zeiten der ersten Jahrzehnte und  den Stolz der Hamburger Arbeiterschaft auf ihren „Zukunftsstaat am Besenbinderhof“.

Michael Joho, 10.9.2017

Erinnerungsorte und –rituale auf dem Prüfstand
Tagung der Hamburger Geschichtswerkstätten am 7.11.2015
Rededisposition von Michael Joho, GW St. Georg

Demokratische Gedenkkultur entwickeln!

1. Verortung der Geschichtswerkstätten
2. Tendenzen und Lücken der Gedenkkultur
3. Geschichtswerkstätten und Gedenkkultur
4. Zusammenfassung

 

1. Verortung der Geschichtswerkstätten

  • Auseinandersetzung auf dem letzten GW-Plenum um die Beteiligung am Historikertag 2016:
    + Geschichtswerkstätten – ein Teil der arrivierten Geschichtswissenschaft?
    + Oder doch noch immer mit dem Ziel, wider den Stachel zu löcken?
  • Mein Plädoyer: Festhalten an den Ursprüngen und „Traditionen“ der GW-Bewegung seit den 1970ern:
    + Eine klare Verortung und – ja – auch Engagement auf/an der Seite der „einfachen Menschen“, der Normalos vor Ort.
    + Mit besonderer Bezugnahme auf die Lebensverhältnisse der Vielen…
    + …und mit geschärftem Blick auf die Ausgegrenzten, Benachteiligten, Verdrängten und Engagierten in der Vergangenheit und in der Gegenwart.
    + Nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch anders: Mobilisierung der Betroffenen für die eigene, die nahe Geschichte – und Einbettung in die größeren Zusammenhänge
  • Etwas polemisch: Nicht die Stadtteilgeschichte im Allgemeinen und eine Korona ausgebildeter, promovierter, arbeitsloser HistorikerInnen in den Geschichtswerkstätten ist der Impetus der GW-Idee, sondern vielmehr
    a) die VerORTung von Geschichte und Menschen (Stadtteilbewusstsein),
    b) der Blick „von unten“, wobei der im Laufe der Geschichte sicherlich Veränderungen unterliegt (Parteilichkeit))
    c) die lokale Verknüpfung mit den demokratischen Initiativen und Bewegungen, populär gesagt: Global denken, lokal handeln (Stadtteilengagement)
  • Und so bette ich auch die Gedenkkultur ein. Doch zunächst zu jüngeren Tendenzen in der hamburgischen Gedenkkultur.

2. Tendenzen und Lücken der Gedenkkultur

  • Anders als die ehemalige Kultursenatorin Horokova 2001 meinte, war, ist und bleibt die Aufarbeitung der NS-Zeit und die Bewahrung des antifaschistischen Erbes zentrale Aufgabe und Herausforderung – für alle!
  • Viele Publikationen und eine ganze Phalanx an Gedenkstätten seit den 1970ern:
    + KZ-Gedenkstätte Neuengamme
    + Mehr als 80 weitere Mahnmale und Denkmäler
    + Knapp 5.000 Stolpersteine und eine beeindruckende Schriftenreihe der LZ für polit. Bildung
    + Aktuell die Gestaltung des Lohseplatzes, an dem auch endlich der vom NS deportierten Roma und Sinti gedacht wird (Einweihung Feb. 2015)
    + das Deserteursdenkmal nahe dem Dammtorbahnhof (Einweihung am 24.11.2015)
    + Doch noch immer nicht ohne Konflikte, z.B.
    a) der „Zug der Erinnerung“ mit DB-Problemen (2009?),
    b) der Kompromiss in Sachen Teilumbenennung der Hindenburgstraße in Otto-Wels-Straße (2013)
    c) das Polizeimuseum und die Erinnerung an die Rolle Hamburger PolizistInnen beim Genozid in Galizien (eröffnet Feb. 2014)
  • NS-Zeit ist es wert, immer auch gesondert betrachtet zu werden, allemal in Zeiten des aufkeimenden Rechtsextremismus und der wieder anwachsenden Ausländer- und Flüchtlingsfeindlichkeit.
  • Nur kurz dazu, zwei Knackpunkte der Auseinandersetzung um die Erinnerungskultur sind dabei:
    a) Die endgültige Anerkennung des 8. Mai als Tag der Befreiung – als gesetzlicher Feiertag,
    b) die anhaltende Kontroverse um den Volkstrauertag als etwas kaschierende „Würdigung der verschiedenen Opfer von Krieg und Gewalt“ (die Bredel-Gesellschaft ist da sehr aktiv).
  • Mir geht’s jetzt aber vor allem um andere Akzente bei der Frage, was sich im Stadtbild – also neben Publikationen und Ausstellungen – an Gedenkkultur und Gedenkformen sehen und anfassen lässt.
  • In den letzten Jahren nach meiner Wahrnehmung verstärkte Bemühungen auch in diesen Bereichen:
    + Thematisch: Hamburg als Kolonialstadt (Publikationen, Rundgänge, Aufführungen, Tafeln, Ausstellungen; Erinnerung an Heiko Möhle)
    + Thematisch: Rolle und Namen von Frauen (Publikationen, Straßennamen, Straßentheater; aktiv Rita Bake, Beate Kiupel und Brigitta Huhnke)
    + Interkulturell: Verstärkte Beschäftigung mit den verschiedenen migrantischen Bevölkerungsgruppen (Publikationen, Rundgänge, Rundfahrten)
    + Gestalterisch: Nach Wandbildern im Hafen, zur Frauenarbeit usw. das Wandbild-Programm der Heinrich-Kaufmann-Stiftung zu bestimmten Ereignissen der Geschichte: Helmuth Hübener, LauensteinWaggonfabrik-Streik 1869; zuletzt zu den Sülzeunruhen 1919 am Haus der Verbraucherzentrale
    + Kulturell: Szenische Aufführungen am Ort des Geschehens (wie z.B. in der Speicherstadt oder im Wilhelmsburger Bunker) bis hin zu historisch-politischen Veranstaltungsreihen (GW St. Georg)
  • Doch es gibt nach wie vor große weiße Stellen wie diese:
    + Hexenverfolgung (Zauberer, Ketzer…) bis in die frühe Neuzeitund im Einzelfall auch weit darüber hinaus
    + Vormärz und 1848er-Revolution: Bis auf die Patriotische Gesellschaft und einige Publikationen gibt es wenig, was daran erinnert – warum kein
    Denkmal am Steintorplatz (Lämmermarkt-Unruhen; Barrikade…)
    + Arbeiterbewegung: Hätten wir nicht das Gewerkschaftshaus, das Museum der Arbeit und die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, wäre da sehr wenig…
    + Lebensreformbewegung von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis zu den alternativen Lebensformen im späten 20. Jahrhundert: Genossenschaften, vegetarische Lebensweise, Umweltbewusstsein, alternative Lebensformen – hier wären sicher auch neue Formen des Geund Nachdenkens zu entwickeln
    + Am deutlichsten wird das Vergessen-Machen für die größte revolutionäre Erhebung im 20. Jahrhundert: die Novemberrevolution 1918 (kaum Wissen, wenig  Veranstaltungen, keine Rundgänge, kein Denkmal bis auf das von Fritz Schumacher für die Revolutionsgefallenen auf dem Ohlsdorfer Friedhof
    + Vielfache Themen der Weimarer Republik und immer noch der NSZeit: Hier sei nur auf die Hamburger Kämpfer für die spanische Republik 1936/39 hingewiesen.
    + Antifa-Bewegung im Frühjahr/Sommer 1945: Völlig in Vergessenheit geraten – warum keine Gedenktafel in einem damals zeitweilig übernommenen Großbetrieb?
    + Widerstand gegen die Remilitarisierung und Atombewaffnung sowie die Friedensbewegung der 1980er Jahre – mit einer Dauerausstellung in einer Kaserne oder im Rathaus, neben dem dortigen „Kreuzer Hamburg“?
    + Komplex Gastarbeiter, Ausländer, Einwanderer, Flüchtlinge – warum bisher kaum ein Platz oder eine Straße nach Menschen mit ausländischen Wurzeln benannt, die sich hier „verdient“ gemacht haben? Oder am Bieberhaus – dem ehemaligen Sitz der Ausländerbehörde – oder dem PK 11 – ehemals an der Kirchenallee gelegen – als  Skandalwache, in dem Schwarzafrikaner misshandelt wurden?
    + Komplex Umwelt, Ökologie, Klimakatstrophe: Wieso heißt die Mülldeponie Georgswerder neuerdings Energieberg, statt Dioxinberg? Wo und wer erinnert im  öffentlichen Bild die Auswirkungen der Umweltbelastungen?
    + Komplex Sanierung, Verdrängung, Gentrifizierung: Hier sind neben den unübersehbaren Erscheinungen der Aufwertung (schicke alte Häuser) vielleicht neue Formen des Erinnerns und Aufmerksam-Machens angebracht. Wo bleiben die ZeitzeugInnen-Gespräche, Dokumente der Verdrängten, die Gedenktafeln und Rundgänge?  (immerhin St. Pauli, Ottensen und St. Georg sind da dran!)

3. Geschichtswerkstätten und Gedenkkultur

  • Die besondere Herausforderung der GWen: das Füllen der weißen Stellen im Sinne der alternativen, eingangs erwähnten humanistisch demokratischen Ziele
  • Der große Vorteil der GWen: die direkte Verknüpfung von historischen Ereignissen und Entwicklungen mit der nahen Umgebung, dem Quartier
  • Die große Chance der GWen: die Gewinnung und Mobilisierung von Menschen für ihr Quartier, die Schaffung von Stadtteilbewusstsein unddamit von Verantwortung für den eigenen Sozialraum
  • Werkstattbüros sind keine Elfenbeintürme oder reine Schreibstuben, dafür sorgen schon die Rundgänge („Kiek Mol“) und eine Reihe von begehbaren, anfassbaren Projekten wie z.B.
    a) die Röhrenbunker der Werkstätten in Hamm und Eppendorf,
    b) die Zwangsarbeiterbaracke der Wili-Bredel-Gesellschaft/GW Fuhlsbüttel
    c) die Drahtstifte-Fabrik des Stadtteilarchivs Ottensen;
    d) die Litfaßsäule der GW St. Georg am Carl-von-Ossietzky-Platz
  • Aber vielleicht ist auch noch mehr möglich als Publikationen,Rundgänge, Tafelprogramme (wie in Barmbek), Veranstaltungen und Archiv-Öffnungszeiten – das sind alles tendenziell Formen des Hinkommens und Konsumierens
  • Mein Wunsch: mehr interaktive Formen der Geschichtsarbeit, mehr
    Austausch, breitere Angebote zum Mitmachen.
  • Denn eine demokratische Geschichtskultur von unten setzt m.E. nicht nur entsprechende inhaltliche Akzente, sondern versteht sich auch als Teil einer lebendigen, gestalterischen, kreativen, eingreifenden Stadtteilkultur.
  • In dieser Richtung weisen sicherlich:
    + Das Kinderprojekt des Stadtteilarchivs Bramfeld, das den MehrGenerationenaustausch im spielerischen Miteinander ermöglicht;
    + in gewisser Hinsicht auch der Bilderspeicher der Hamburger GWen, der vom Anschauen und eben auch Bringen historischer Fotos lebt – und da ist das Stadtteilarchiv Hamm ganz vorne;
    + ganz sicher die Erzählcafés, die es in verschiedenen Stadtteilen gibt, z.B. bei den Geschichtswerkstätten, aber auch bei den LABEinrichtungen, beim Seniorenbüro und der VHS;
    + die seit 20 Jahren realisierten, historisch-kulturellen Jahresprojekte der St. Georger Geschichtswerkstatt;
    + hier und da das Ringen um die Ein- oder Umbenennung von Straßen und Plätzen, die oft mit einer intensiven Auseinandersetzung einhergehen.

4. Zusammenfassung

  • Bei der Verbindung von Geschichte im Allgemeinen und der Verortung im eigenen Quartier, der Vermittlung von Stadtteilbewusstsein und Verantwortungsgefühl für die Gestaltung der eigenen Umgebung spielen die Geschichtswerkstätten eine wichtige Rolle.
  • Der können sie angesichts der mangelnden Finanzbasis in ganzer Breite nicht nachkommen – was angesichts der von Senatorin Horokova gekappten und seitdem mehr oder wenigher stagnierenden Finanzierung ein eigenes Kapitel wert wäre.
  • Dennoch, nachzudenken über die Weiterentwicklung und Ausfüllung der demokratischen Gedenkkultur lohnt immer.
  • Inhaltlich und methodisch:
    a) Stadtteilgeschichte als Bestandteil des Stadtteilbewusstseins und -engagements verankern und dafür auch kooperieren mit den Stadtteilinitiativen und –gremien
    b) Die eigene Parteilichkeit „von unten“ als Ausgangspunkt setzen,
    c) weiße Flecken angehen,
    d) an konkreten Orten und Persönlichkeiten veranschaulichen,
    e) Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen, öffentlichen Raum überhaupt als Ort der Betätigung verstehen
    f) Menschen nicht nur als Gäste, Informations- und MaterialspenderInnen, sondern viel stärker als GestalterInnen und kreatives Potenzial begreifen.

Vortrag am 28.11.2007 im Gemeindehaus, Stiftstraße 15, aus Anlass des 100jährigen Bestehens des Gemeindehauses
von Michael Joho

0. Persönliche Vorbemerkung
1. Hamburg und St. Georg um 1900
2. Die Hamburger Kirche und die St. Georger Gemeinde um 1900
3. Das Gemeindehaus bis zu seiner Einweihung 1907

0. Persönliche Vorbemerkung

Der Titel der Veranstaltung ist natürlich eine etwas zugespitzte Formulierung, aber eine, die mir als Historiker – aufgewachsen in einem sozialdemokratischen Haushalt, die  Jugendweihe durchlaufend – durchaus nahe ist. Dass Kirche und Arbeiterbewegung über weite Strecken Antipoden waren, birgt keine überraschende Erkenntnis. Betrachten  wir nur einmal die Innere Mission einer Amalie Sieveking (1794-1859) und eines Johann Hinrich Wichern (1808-1881), die nicht zuletzt eine Reaktion auf die im Vormärz und  in der 1848er-Revolution erstmals in Erscheinung getretene Arbeiterklasse gewesen ist. Ich zitiere beispielhaft Amalie Sieveking, die Gründerin und langjährige Vorsteherin der heutigen Amalie Sieveking-Stiftung, deren 175jähriges Bestehen wir vor kurzem im Stadtteil feiern konnten. Sie schrieb 1848 in einem so genannten „Sendschreiben“, laut  Untertitel gerichtet an „die arbeitenden Classen in weiteren Kreisen, als ein Beitrag zur Beleuchtung der Arbeitsfrage, des Communismus u.s.w.“, folgenden Kernsatz: „Somit müssen wir denn doch aber auch wohl erkennen, daß der Unterschied zwischen Reich und Arm eben nothwendig hineingehört in die jetzige Weltordnung, in den Plan der göttlichen Vorsehung (...)“.1 So betrachtet, wären alle Aktivitäten der Arbeiterbewegung sinnlos gewesen, könnten alle demokratischen Initiativen der Jetztzeit ihr Engagement  einstellen. Nachfolgend geht es allerdings um eine andere Etappe des Verhältnisses von Kirche und Arbeiterbewegung, die Zeit um 1900, auf die sich dieser Beitrag konzentriert. Es gilt zu beleuchten, wie der damalige Zusammenhang zwischen der sprichwörtlich „unkirchlichsten Stadt Deutschlands“ einerseits und der „Hauptstadt der  gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung“ andererseits beschaffen war und wie sich das insbesondere auf den Bau des 1907 eingeweihten St. Georger Gemeindehauses ausgewirkt  hat.

1. Hamburg und St. Georg um 1900

Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt Hamburg sprunghaft an. Die Industrialisierung, der Seehandel und die Schaffung des Freihafens 1888 sorgten für einen enormen Arbeitskräftebedarf. Zehntausende von Menschen zogen in die Arbeit und Brot verheißende Elbmetropole, immer mehr Vororte wurden zu neuen Stadtteilen erklärt. Die städtische Bevölkerung wuchs alleine zwischen 1880 und 1910 von 410.000 auf 931.000 an,2 um kurz vor dem ersten Weltkrieg, die Millionengrenze zu überschreiten. Diese Entwicklung machten in Europa im 19. Jahrhundert quasi alle der heutigen Metropolen durch.

Riesige Menschenströme ergossen sich tagein, tagaus in die innerstädtischen Bezirke und den Hafen, weil hier der überwiegende Teil der Arbeitsplätze angesiedelt wurde. Alleine für den Bau der Speicherstadt in den 1880er Jahren mussten rund 20.000 Menschen ihr Domizil verlassen; sie fanden eine neue Bleibe in den schnell anwachsenden Proletarierquartieren wie Barmbek, Rothenburgsort, Eimsbüttel und Hammerbrook, dem damaligen St. Georg-Süd. Auch die Altund die Neustadt veränderten radikal ihr  Gesicht. Im Gefolge der Choleraepidemie von 1892 wurden die alten Gängeviertel – ab 1900 in der Neustadt und ab 1905 in der Altstadt – nach und nach abgerissen; an ihre  Stelle traten Kontore und ein neues Geschäftsviertel. Mit der Schaffung der Mönckebergstraße 1908 bis 1911 fand die Citybildung ihren vorläufigen Höhepunkt.  Dementsprechend verringerte sich die Wohnbevölkerung in der Altstadt zwischen 1880 und 1910 von 77.000 auf 30.000.3 Heute ist die Innenstadt weitestgehend entvölkert und abends bekanntlich ein „totes Pflaster“.

Um die nun zunehmend an die Peripherie verzogenen Menschen zu ihren Arbeitsplätzen zu bringen, musste das öffentliche Verkehrssystem massiv ausgebaut werden. Ende  1906 wurden die verschiedenen, auf St. Georger Boden gelegenen Bahnhöfe im neuen „Centralbahnhof“ zusammengeführt, ab 1912 sorgte die „Ringbahn“ bzw. spätere U-Bahn  dafür, die Arbeiterwohnbezirke mit der Innenstadt und dem Hafen zu verbinden.

Das citynahe St. Georg mauserte sich um die Jahrhundertwende zum Verkehrsknotenpunkt der Stadt Hamburg. Hier – d. h. im damaligen St. Georg-Nord und St. Georg-Süd – war die Bevölkerung zwischen 1880 und 1910 von 60.000 auf 104.000 angewachsen,4 davon etwa zwei Fünftel in unserem heutigen Stadtteil St. Georg und drei Fünftel im Hammerbrook und Klostertor. Um diese enormen Menschenmassen unterzubringen, entstanden auf dem gesamten Hammerbrook die berüchtigten proletarischen „Mietskasernen“, wie wir sie heute nur noch in Rudimenten aus Berlin kennen. St. Georg-Nord dagegen wurde von einer Welle von spät-gründerzeitlichen, meist  fünfgeschossigen Wohnhäusern überzogen. Insbesondere der etwa einen Kilometer lange Steindamm erlebte in den späten 1890er Jahren den Wandel von einer noch von Fachwerkhäusern gesäumten Straße zur wichtigsten Wohn-, Einkaufs- und Flaniermeile des Viertels. Wir können von diesen Entwicklungen heute nicht mehr allzu viel sehen, weil der Hammerbrook im Feuersturm 1943 zu über 90 % und der Steindamm zwischen dem Kreuzweg und dem Lübeckertor komplett zerstört wurden.

Das Hineinreißen der ehemaligen Vorstadt St. Georg (bis 1868) in die neue Ära lässt sich symbolisch am Hauptbahnhofbau illustrieren. Bis in die 1890er Jahre hinein war St. Georg von den innerstädtischen Quartieren durch den alten Wallgraben abgetrennt. Er wurde dann mit Blick auf den Hauptbahnhofbau entwässert, aber nicht zugeschüttet, um in der um 1900 verbreiterten Mulde die Gleise der neuen Eisenbahnlinien zu verlegen. Damit war St. Georg nun gleich in mehrfacher Hinsicht an die Innenstadt „angebunden“, und insbesondere die ehemals verträumte Kirchenallee erlebte den zweifelhaften Aufstieg zum Theater- und Hotelstandort samt dem sich dahinter entfaltenden, so genannten „Vergnügungsgewerbe“.

Noch in einer anderen Hinsicht rückte St. Georg in den Fokus der Öffentlichkeit. Spätestens seit dem 1890 ausgelaufenen Sozialistengesetz galt Hamburg als Hauptstadt der deutschen Gewerkschaftsbewegung.5 Etliche Organisationen hatten hier ihre Zentrale, vor allem die ab den 1890er Jahren im Aufschwung begriffene Genossenschaftsbewegung war über verschiedene Bauten direkt mit St. Georg verbunden, wie auch der bis 1900 in der Koppel ansässige Zentralsitz des Dachverbandes der deutschen Gewerkschaften unter Carl Legien (1861-1920). Und schließlich entstand am Besenbinderhof 1904/06 eines der größten Gewerkschaftshäuser Deutschlands. Regelmäßig kamen darin Tausende von Menschen zusammen, um an Versammlungen teilzunehmen, Arbeitermusik-, -sportund sonstigen Darbietungen beizuwohnen, die Beratungseinrichtungen aufzusuchen, die Herberge in Anspruch zu nehmen oder in der größten Gaststätte Hamburgs das legendäre Hamburger Eisbein mit Sauerkraut und Erbsenpüree zu verspeisen. Als neuer Massenanziehungspunkt strahlte das Gewerkschaftshauses vor allem nach Hammerbrook mit seiner nahezu homogenen  Arbeiterbevölkerung aus. Hier hatte der Sozialdemokrat August Bebel (1840-1913) schon in den 1890er Jahren in einigen Straßenzügen bis zu 94prozentige Wahlerfolge bei Reichstagswahlen einfahren können. Dem mittelständisch geprägten St. GeorgNord dagegen dürfte die von Bebel so titulierte „geistige Waffenschmiede des Proletariats“ dagegen eher als Fremdkörper erschienen sein...

2. Die Hamburger Kirche und die St. Georger Gemeinde um 1900

Um diese Veränderungen nun auf die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Georg zu beziehen, sei auch ein kurzer Blick auf die Hamburger Landeskirche um die  Jahrhundertwende geworfen. „Die Leitung der Kirche“, schreibt Martin Hennig, „wurde genauso wie die des Staates von dem nach Hamburg einsetzenden Strom ortsfremder Menschen einfach überrannt. Das geschah um so nachhaltiger, als in Hamburg die Verhältnisse durch Jahrhunderte überschaubar geblieben waren, städtische und kirchliche Verwaltung im ganzen Hand in Hand gearbeitet hatten und die Mitarbeit in beiden Gremien im allgemeinen als Verpflichtung gefühlt wurde.“6

Immerhin zwischen 91 und 96 % der Gesamtbevölkerung waren 1906 noch Mitglied in einem der vier Kreise der ev.-luth. Landeskirche, rund ein halber Prozentpunkt weniger als im Jahre 1900. St. Georg hatte in diesem Zeitraum am meisten Mitglieder verloren, einmal absolut, weil sich 1900/1901 die Gemeinde Borgfelde abgetrennt hatte, aber auch relativ, war der Anteil doch um fast 2,8 % in der Bevölkerung zurückgegangen.7 Auf Grund des Bevölkerungswachstums entstanden zwischen 1880 und 1918 im Zuständigkeitsbereich der Landeskirche insgesamt 19 neue Gemeinden mit eigenen Kirchgebäuden, die Zahl der Pastoren verdoppelte sich von 1890 bis 1925 von 63 auf 120.8 Zu diesen neuen Gemeinden zählte auch Hammerbrook, also St. Georg-Süd, das Anfang 1887 zum Kirchspiel St. Katharinen dazugeschlagen wurde und 1901 mit „St. Anna in St. Catharinen“ eine eigene Kirche erhielt.9

Das enorme Wachstum der Bevölkerung machte den Pastorenmangel zu einem permanenten Problem. Für St. Georg-Nord bedeutete das z.B., dass 1895 auf einen Pastor über 18.000 Gemeindemitglieder kamen.10 Man muss sich die daraus resultierenden, konkreten Belastungen vor Augen führen: So hatten die drei St. Georger Pastoren Dr. Alexander Detmer (1814-1903; Pastor in St. Georg 1856-1903), sein Sohn Oskar Alexander Detmer (1851-1918; 1885-1918) und Alfred Kappesser (1869-1932; 1901-1932)11 beispielsweise im Jahre 1902 allein 606 Konfirmierte zu betreuen,12 d.h. im Durchschnitt 200! Aus Kirchenkreisen in ganz Hamburg kam daher die Forderung auf, dass auf jeden Pastor maximal 10.000 Gemeindeangehörige kommen sollten.

Innerhalb der Landeskirche rangen die Anhänger vor allem zweier Grundpositionen um Einfluss in den Vorständen. Unversöhnlich standen sich noch bis in die 1920er Jahre die so genannten „Liberalen“ auf der einen und die „Positiven“ auf der anderen Seite gegenüber. Erstere sahen sich in der Nachfolge der Aufklärung, zweitere Gruppierung verstand sich als Vertreterin orthodoxer Auffassungen. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die hamburgischen Kapellengemeinden, darunter in St. Georg seit 1862 die Stiftskirchengemeinde mit ihrer Kirche und einem Gemeindehaus in der Stiftstraße, auf Grund ähnlicher antirationalistischer Auffassungen eher zu den „Positiven“ tendierten. Wie scharf die Auseinandersetzung bisweilen geführt wurde, zeigte sich exemplarisch in Eilbek. Dort stifteten drei Mäzene – darunter Dr. Mary Sieveking, geb. Merck (1835-1907), langjährige Vorsteherin der Amalie Sieveking-Stiftung von 1889 bis 1897 – im Jahre 1888 wohl das erste Hamburger Gemeindehaus. In einem Regulativ erteilten sie der Anbindung an den Eilbeker Kirchenvorstand und damit de facto an allzu „liberale“ Vertreter aus der Gemeindehausverwaltung eine Absage, „da bekanntlich leider unsere landeskirchlichen Gemeinden nicht davor gesichert sind, ungläubige Pastoren und Kirchenvorstände zu haben.“13

Auch in St. Georg tobten die Auseinandersetzungen um die theologischpolitische Ausrichtung. Da machte z.B. Karl Reimers, Herausgeber des „Hamburgischen Kirchenblattes“ und Pastor an der Hauptkirche St. Michaelis – einer Hochburg der „Positiven“ –, im Juli 1904 süffisant darauf aufmerksam, dass bei einem Umbau in den Kirchturmknopf der Dreieinigkeitskirche u.a. auch eine Ausgabe des sozialdemokratischen „Hamburger Echos“ gelegt worden sei. Und er zitierte die auswärtige „Frankfurter Zeitung“ mit diesen ironischen Worten: „Der Hamburger Kirchturm wird somit den späteren Geschlechtern künden, daß Kirche und Sozialdemokratie sich im Jahre des Heils 1904 bereits friedlich miteinander vertrugen.“14

Nein, die St. Georger Gemeinde stand damals keineswegs im Ruf einer roten Zelle. Aber hier hatte die „liberale“ Richtung schon seit längerem eine Bastion errichtet. Nachdem Alexander Detmer nach 47jähriger Pastorentätigkeit 1903 verstorben war, wurde Hans Gustav Ladendorf (1870-1948) berufen. Er war zuvor Pastor am Allgemeinen  Krankenhaus gewesen und übte seine Tätigkeit in der St. Georger Gemeinde von 1904 bis 1932 aus.15 Allerdings zog sich seine Anerkennung einige Monate hin, weil Ladendorf als Mitglied des „Deutschen Protestantenvereins“ – eines Vorreiters der „liberalen“ Christen16 – offenbar auf Vorbehalte bei den Orthodoxen stieß, wie das „Hamburger Fremdenblatt“ im Gefolge einer kurzen Notiz im „Hamburgischen Kirchenblatt“ meldete. „Wir wissen nicht,“ schreibt Pastor Reimers, „wie man das aus unserer rein referierenden Meldung schließen kann. Aber es stimmt natürlich. Wie sollte uns auf der Kanzel Rautenbergs ein Mitglied des Protestantenvereins genehm sein! Da aber überhaupt ein Positiver nicht in Betracht kommt oder kommen wird, haben wir nicht die geringste Ursache, den Gewählten weniger zu wünschen als irgend einen anderen der Präsentierten“.17

Nach zwei „liberal“ dominierten Kirchenvorständen ging es im November 1906 auf eine Neuwahl zu. In diesem Zusammenhang erschienen gleich mehrere Flugblätter, in denen die gegensätzlichen Parteien Stellung bezogen und für ihre Sache agitierten. Es gehört zu den Besonderheiten der damaligen Zeit, dass sich maßgeblich die Bürgervereine in die Debatte einbrachten. Sie waren in ganz Hamburg meist in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gegründet worden, um nicht nur die mittelständischen Interessen zu vertreten, sondern insbesondere auch Kandidaten für die Bürgerschaftswahlen aufzustellen und eben die Kirchenvorstände entsprechend zu beschicken.18 Die drei damals in St. Georg aktiven und zutiefst antisozialistischen Bürgervereine von 1874, 1880 und 1886 unterstützen eine rein „liberale“ Liste für den zu wählenden neuen Kirchenvorstand. In einem gemeinsamen Pamphlet gaben sie folgende Stellungnahme ab: „Auch bei dieser Wahl wird ein schwerer Kampf entbrennen, und es ist daher geboten, alle Truppen ins Feld zu führen, wenn man es nicht dahin kommen lassen will, daß die Männer, die den Buchstaben über den Geist des Evangeliums setzen, den Sieg davontragen und einen entscheidenden Einfluß auf die Leitung der Kirche gewinnen, die so lange ein Hort des kirchlichen Freisinns gewesen ist.“19 Die Gegenposition nahm ein so genanntes „Spezialkomitee für positive Kirchenvorsteherwahlen“ ein. Und erstmals trat, allerdings anonym, eine neue Gruppe unter dem Namen „Einige Freunde der St. Georger Kirche“  in Erscheinung, die „in dem gehässigen Kampfe kirchlicher Parteien den Tod eines gesunden Gemeindelebens“ zu erblicken glaubte.20 Gewählt wurde schließlich die Liste der  Bürgervereine, die letztlich auch einen „Positiven“ umfasste. Zu den zwölf neuen Vorstehern gehörte u.a. auch Johannes Gittermann, Vorsitzender des 1880er-Bürgervereins zwischen 1902 und 1910 und liberaler Bürgerschaftsabgeordneter von 1901 bis 1907.21

Die Wahlen zum Kirchenvorstand waren das eine, die aktive Beteiligung der Gemeindemitglieder etwas Anderes. Schon damals blieben viele Bänke in den protestantischen Kirchen Hamburgs am Sonntag leer. Vielleicht 20.000, schätzte Reimers, waren es, die sich regelmäßig in den Gotteshäusern einfanden, also nur ca. zwei bis drei Prozent der Kirchenmitglieder.22 Tatsächlich befand sich die Kirche um die Jahrhundertwende in der Krise, übrigens in ganz Deutschland.
Und die rückläufige Entwicklung der Kirchgänger kann dafür als ein Indiz herhalten. „Zu den Ursachen“, analysiert der Historiker Rainer Hering, „gehörte
u.a. die Pluralisierung der Lebenswelt, die die soziale Kontrolle geringer werden
ließ. So trug beispielsweise der Ausbau des Verkehrsnetzes dazu bei, daß am
Samstagabend Tanz- und andere Vergnügungen eher erreichbar waren, was zu
Lasten des Kirchenbesuchs am Sonntagmorgen ging. Im allgemeinen gingen
durch das Vordringen von Technik und Medizin auch wichtige sinnstiftende Erklärungsfunktionen der Kirche verloren.“23 Mindestens ebenso bedeutsam aber
erscheinen weitere Aspekte, auf die Victoria Overlack hinweist. Sie konstatiert
einerseits, dass die Kirche im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche „ihren festen Platz im rituellen Tages-, Wochen- und Jahreslauf“ verloren hätte. Andererseits habe die Kirche gerade durch „die Herausbildung alternativer Weltanschauungen auch auf ideellem Sektor“ an Einfluss und Anziehungskraft verloren.24

Gemeint ist damit natürlich die Arbeiterbewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen geradezu kometenhaften Aufstieg erlebte und sich bis zur Jahrhundertwende nicht nur einen von Zehntausenden alleine in Hamburg getragenen Partei-, Gewerkschafts- und Genossenschaftsapparat, sondern auch das Organisationsgeflecht einer kompletten zweiten Kultur schaffen konnte. Nehmen wir beispielhaft dafür die Arbeitersportbewegung, die sich von der bürgerlich-nationalistischen „Deutschen Turnerschaft“ ablöste und in Hamburg mit dem „Vorwärts“ 1893 zu einer ersten Vereinsgründung kam. Da den Arbeitersportlern während der Kaiserzeit öffentliche Schulturnhallen verwehrt wurden, sah sich dieser Verein genötigt, das „Englische Tivoli“ an der Kirchenallee – dort steht heute das Deutsche Schauspielhaus – zum ersten Turnlokal des Hamburger Arbeitersports zu machen. 1913 konnte dann ein anderer Verein – die „Freie Turnerschaft Hammerbrook-Rothenburgsort“ – eine erste, selbst finanzierte Halle einweihen.25

Die hinsichtlich der Mitgliederzahlen und Wahlerfolge um 1900 sichtbar stärker werdende Arbeiterbewegung drohte aus Sicht der Kirche, dieser zunehmend den Rang abzulaufen. In einer Zeit der allgemeinen Entkirchlichung musste die zumindest von der Theorie her überwiegend atheistisch daher kommende Arbeiterbewegung als größte Herausforderung empfunden werden. Was war von einer Partei zu halten, in deren Reichstagsfraktion von 40 Abgeordneten 25 angaben, konfessionslos oder freireligiös, also lt. „Hamburgischem Kirchenblatt“ „Dissidenten“ zu sein?26 Etliche Artikel in diesem wichtigsten kirchlichen Periodikum sind der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften, aber natürlich auch der vermeintlichen Alternative, den in den 1890er Jahren gebildeten christlichen Gewerkschaften gewidmet. Sie schlossen sich 1901 zum interkonfessionellen, allerdings katholisch dominierten „Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands“ zusammen,27 erreichten aber nie auch nur annähernd die Bedeutung ihrer mehr oder weniger sozialdemokratischen Konkurrenz. 1928 z.B. gehörten den freien Gewerkschaften fast 4,9 Millionen Mitglieder an, den christlichen nur 760.000.28

Vor diesem Hintergrund erweckte das neue Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof beim Herausgeber des „Hamburgischen Kirchenblatts“ natürlich besonderes Interesse, würde es doch bekunden, „wie fest die Masse der Unternehmer dieses Baues mit dem Gewerkschaftsgedanken verbunden sind. Es ist die Scheidung ist vollzogen. Das Gewerkschaftshaus ist nicht zuerst für die Propaganda gebaut, vielmehr von solchen und für solche, deren ‚Glaube’ der sozialistische Gewerkschaftsgedanke bereits ist.“29 Hier kam die von der Arbeiterbewegung ausstrahlende Gefahr zum Ausdruck: ein neuer Glaube, der der Schaffung des Paradieses auf Erden verbunden war! Und mehr noch: Die Arbeiterbewegung schickte sich an, die ehemals der Kirche vorbehaltene Rundumversorgung „von der Wiege bis zur Bahre“ mittels ihres Organisationsgeflechtes zu übernehmen. Doch noch standen die Zeichen in der Hamburgischen Landeskirche nicht wirklich auf Sturm, gehörten ihr doch unverändert weit mehr als 90 % der Bevölkerung an. Aber es gab ein Gespür für den Wandel, und konkret warnte beispielsweise ein Kirchenblatt-Artikel 1906 vor einer drohenden „Austrittsbewegung“, hatten doch in Berlin in diesem Jahr 50.000 Personen, überwiegend wohl aus der Arbeiterschaft, der Kirche den Rücken gekehrt.30

„Die alte Wahrheit, daß Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält“, schreibt Reimers 1906, „verpflichtet ohne weiteres diejenigen, welche unser Volk beim Evangelium erhalten oder es für dieses zurückgewinnen möchten, auf die Entwickelung der sozialen Dinge Acht zu geben.“31 Eingedenk dieser Erkenntnis, wurden in Hamburg von kirchlicher Seite daher Bemühungen unternommen, sich verstärkt im Arbeitermilieu zu engagieren. Der vielleicht bekannteste Vertreter war der Theologe und spätere Oberlehrer Walther Classen (1874- 1954), der mitten im Proletarierquartier 1901 das erste Hamburger „Volksheim“ eröffnete. Dieser Anlaufpunkt für die Arbeiterjugend sollte als Gegengewicht zur Sozialdemokratie christlich-sozial inspirierte Arbeit leisten: Kurse, Vorträge, Theaterbesuche, Ausflüge etc. „Meine Arbeit galt zwar kaum für kirchlich“, notierte Classen 1932 in seinen Memoiren, „Ich hielt keine Andachten, keine Bibelauslegung; ich lebte nur mit den Jungen zusammen.“32 Und das war mehr, als von kirchlicher Seite damals üblich! Doch auch im Volksheim in der Sachsenstraße tobten die Auseinandersetzungen. Als Classen z.B. 1914, kurz nach dem Kriegsausbruch, vom Senat aufgefordert wurde, vormilitärische „Jugendkompagnien“ zu bilden und antimilitaristische Kritiker deswegen „in Schutzhaft“ genommen wurden,33 ging ein massiver Protest durch breite Teile der Arbeiterjugend. Bemühungen, sich aus dem gewohnten bürgerlichen Milieu der Gemeinden auf die Arbeiterschaft zuzubewegen und diese der Arbeiterbewegung abspenstig zu machen, blieben letztlich immer von begrenztem Erfolg.

3. Das Gemeindehaus bis zu seiner Einweihung 1907

Bei der Schaffung von Gemeindehäusern lag die Angelegenheit etwas komplizierter, wie schon der Eilbeker Fall 1888 gezeigt hatte, spielten damals doch auch innerkirchliche Konflikte eine Rolle – und ganz sicher auch Überlegungen zur der Neuorientierung als Großstadtkirche in einer Zeit der zunehmenden Säkularisierung. Viele Gemeinden gingen nach der Jahrhundertwende dazu über, meist neben den Kirchen gelegene Gemeindehäuser zu errichten, eine Entwicklung, die in ganz Deutschland ablief und alsbald zu einer Anzahl von Veröffentlichungen über die Ausstattung und das Angebotsprofil führte.34. Theodor Schäfer, Direktor der Diakonissenanstalt im damals noch preußischen Altona, schrieb 1905 zur Bedeutung solcher Einrichtungen: „Ein Gemeindehaus ist das einer evangelischen Kirchengemeinde gehörige Gebäude resp. ein Gebäudekomplex,
in welchem sie, mit Ausnahme der offiziellen Gottesdienste, alle ihre Arbeiten und Betätigungen, namentlich ihre Liebesarbeit treibt.“35 Dass es sich bisweilen auch ein wenig anders darstellte, zeigt nicht das Beispiel Eilbek.

Was grundsätzlich zur Planung von immer mehr Gemeindehäusern in Hamburg beigetragen hat, lässt sich einer Ansprache entnehmen, die Bürgermeister Dr. Johann Georg Mönckeberg (1839-1908) anlässlich der Eröffnung eines solchen Gebäudes in Harvestehude 1908 gehalten hat. Einleitend stellte er fest, dass nur ein kleiner Teil der Gemeindemitglieder in Harvestehude an den Gottesdiensten teilnehme und von einem Gemeindeleben nur in einem sehr geringem Maße die Rede sein könne. Die weiteren Ausführungen seien hier ausnahmsweise einmal länger zitiert, gelten sie doch im Grunde für alle damaligen Unternehmungen
dieser Art.

„Es hat sich (...) hier wie in vielen anderen Kirchspielen Hamburgs das Bedürfnis geltend gemacht, nicht nur durch die gottesdienstlichen Handlungen in der
Kirche, sondern auch auf andere Weise für die Förderung christlichen Gemeindelebens zu wirken. Sie wissen, auf wie mancherlei Weise diese Bestrebungen abseiten der Herren Pastoren gefördert wurden, durch Missions- und Bibelstunden, Männer- und Frauen-, Jünglings- und Jungfrauen-Vereine, christliche Armen und Krankenpflege, Verbreitung christlicher Schriften, Kindergottesdienste und vieles andere. Alle diese Bestrebungen sollen schließlich dazu dienen, ein christliches Gemeindeleben zu fördern, die Gemeinde um Kirche und Pfarramt zu sammeln. Es sind namentlich zwei Grundgedanken, die all diesen Bestrebungen zugrunde liegen: Erstens das Verhältnis der Pastoren zu den Gemeindegliedern zu beleben und vielseitig auszugestalten, dem Pastor Gelegenheit zu geben, auch mit solchen Kreisen in Berührung zu kommen, die sich im allgemeinen nicht zur Kirche halten, um durch solchen Verkehr dieselben zur Kirche heranzuziehen. Zweitens aber gilt es, ein Verhältnis zwischen den Gemeindegliedern untereinander zu schaffen. Wie kann ein Gemeindeleben bestehen, wenn die Mitglieder der Gemeinde sich gar nicht kennen? Wie kann die Kirche auf die ihr so fernstehenden Kreise eine Wirkung ausüben, wenn jede Bekanntschaft, jeder Verkehr mit denselben fehlt? Es geht ein tiefer Riß durch die ganze bürgerliche Gesellschaft: die Menschen verstehen sich nicht, weil sie sich nicht kennen. Wie auf sonstigen Gebieten zu helfen ist, ist eine der schwierigsten Fragen; auf kirchlichem Gebiete aber dürfen wir mit Bestimmtheit hoffen und aussprechen: Der erste Schritt, um große Massen der Kirche fernstehender Gemeindemitglieder heranzuziehen, besteht darin, daß die verschiedenen Kreise sich kennen und achten lernen, miteinander verkehren auf dem Gebiete gemeinsamer Arbeit für die Armen, Kranken und Schwachen. Für all diese Zwecke bedarf es aber eines lokalen Mittelpunktes innerhalb der Gemeinde. Das soll das Gemeindehaus sein.“36

In diesen Worten spiegelt sich wieder, was Theodor Knolle, Hauptpastor an St. Petri, später einmal als notwendige Orientierung auf die sich nach einer „sichtbaren  Gemeinschaft“ sehnenden Menschen durch die „Bildung übersehbarer Gemeinden“ bezeichnete.37 Die Gemeindehäuser als Innovation des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren dabei die „baukonzeptionelle Antwort auf die Ausdifferenzierung der volkskirchlichen Struktur in Richtung auf gruppenspezifische Formen der sogenannten ‚Gemeindearbeit’, wie dies in einem jüngeren Aufsatz der Zeitschrift „Pastoraltheologie“ zu lesen ist.38 Aber nicht nur die Binnenverständigung innerhalb der Gemeinde sollte befördert werden, sondern eben auch die Außendarstellung mittels eines attraktiven Treffpunkts mit einer breiten, karitativen und sonstigen Angebotspalette. Es ging also um die Schaffung eines bis Ende des 19. Jahrhunderts kaum vorhandenen Gemeindelebens im breiteren kulturellen Sinne ebenso wie um die Neugewinnung und Aktivierung noch fern stehender Schichten wie z.B. weiter Kreise der Arbeiterschaft. Und dies in einer Situation, in der letztere Gruppe sich gerade anschickte, jenseits von Kirche und bürgerlich-kapitalistischem Staat eine andere, alternative Lebens- und Kulturauffassung auszuprägen.

In St. Georg musste ein solches kirchliches Konzept auf besondere Resonanz stoßen, war dieser Stadtteil doch, wie eingangs erwähnt, nachgerade zu einem Großstadtmoloch geworden, ein Durchgangsort, in dem damals angeblich jedes Jahr rund 30 % der Bewohnerschaft wechselten.39 Wie brach sich nun dieser Gedanke, die Gemeinde quasi neu zu konstituieren und dafür ein Gemeindehaus zu schaffen, Bahn? Welche Antwort konnte damit in einer Zeit gefunden werden, in der in St. Georg „eine völlig neue Menschenmasse angesiedelt wurde, (...) in der aus der Vorstadt die steinerne Großstadt wurde, in einer Zeit, wo die Lehre materialistischer Weltanschauung kulminierte und auch äusserlich im neuen Gewerkschaftshaus ihr mächtiges Bollwerk errichtete (...)“, wie das Dr. Erich Kappesser in einem Vortrag zum 25jährigen Bestehen des Gemeindehauses Anfang 1933 ausdrückte?40

Die Idee zu einem St. Georger Gemeindehaus stammte offenbar von Alfred Kappesser (1869-1932), dem Vater von Erich Kappesser; er hatte sie offenbar schon im November 1901 erstmals geäußert. Alfred Kappesser war nur wenige Monate zuvor aus Dithmarschen gekommen und als dritter Pastor in der Dreieinigkeitskirche tätig geworden.41 Auf die Initiative dieses jungen Mannes hin traf sich am 9. Februar 1903 ein Kreis von zehn Männern im Haus der Patriotischen Gesellschaft, um einen „Verein zur Erbauung des Gemeindehauses“ aus der Taufe zu heben.42 Die beiden Pastorenkollegen Kappessers – Detmer senior und Detmer junior – waren zwar eingeladen, aber nicht erschienen, was von gewissen Widersprüchen zwischen ihnen zeugt. Die dritte Vereinsversammlung am 19. Mai 1903 wählte dennoch Alexander Detmer zum Ehrenvorsitzenden, Richard Hempell zum 1. und Arthur F. Röding zum 2. Vorsitzenden, Dr. Bruno Meyer zum 1. und Julius Faulwasser zum 2. Schriftführer, Otto G. Miehe zum 1. und Alfred Kappesser zum 2. Rechnungsführer und Pastor Oskar Detmer in den erweiterten Vorstand. Die Detmers blieben nicht nur der Gründungsversammlung, sondern auch den weiteren Sitzungen fern, erklärten sich aber bereit, dass ihre Namen für den Vorstand benannt werden durften. Mitte Mai 1903 zog der alte Pastor Detmer allerdings auch diese Zusage zurück und charakterisierte den Verein als „trennende“ und ausdrücklich „gegen seinen Wunsch und Willen“ gerichtete Unternehmung.43 Ob sich hierin nur die Vorbehalte eines gealterten Herrn gegenüber der außerordentlich dynamisch auftretenden Nachwuchskraft niederschlagen, mag dahin gestellt sein.

Beim Vergleich der Anwesenden (und Entschuldigten) auf dem Gründungstreffen 1903 und der Zusammensetzung des späteren Kirchenvorstandes von 1906 fällt jedenfalls auf, dass kein einziger identischer Name auftaucht. Es kann daher angenommen werden, dass sich der Gemeindehaus-Verein anfangs eher aus einer anderen, womöglich der „positiven“ Richtung rekrutierte, als der Kirchenvorstand, der ja „liberal“ besetzt war. Dies wäre jedenfalls z.T. eine Erklärung dafür, warum der Verein „St. Georger Gemeindehaus e.V.“ sich de jure unabhängig konstituierte und letztlich erst 1946 das Gemeindehaus der Kirchengemeinde übertrug. Die hier gemutmaßten Konflikte spielten jedoch nur in der allerersten Phase eine Rolle, später sind auch verschiedene Kirchenvorstandsmitglieder in die Gemeindehausentwicklung involviert. Schon auf der zweiten Vereinszusammenkunft am 16. Februar 1903 kamen erste Grundstücke ins Gespräch: das Bohlen’sche Haus beim Strohhaus, und ein Gebäude in der Böckmannstraße 54. Ersteres Objekt war für 50.000 Mark zu haben, aber wurde als zu peripher gelegen abgelehnt; zweiteres war mit 40.000 Mark zwar günstiger, aber eben auch kleiner, dafür hatte es eine zentrale Lage.

Doch diese Vorschläge versandeten, so dass sich die Debatte allgemein um die Frage der konkreten Ausgestaltung und Nutzung des projektierten Gebäudes drehte. Die Kapitaldecke war von Anfang vergleichsweise gut, weil es Kappesser schon im Juni 1902 – noch nicht einmal ein Jahr in St. Georg – gelungen war, Lutherfestspiele im Deutschen Schauspielhaus durchzuführen und den Reinerlös von ca. 20.000 Mark „zum Besten der Erbauung eines Gemeindehauses der St. Georger Kirche“ zurückzulegen. Über 300 „Damen und Herren aus allen Kreisen der Gesellschaft“ nebst bekannten SchauspielerInnen wie Robert Nhil und Elisabeth Hruby beteiligten sich an den insgesamt sechs Aufführungen, die unter der Leitung von Ludwig Max auf die Bühne gebracht wurden.44 Unter der Ägide des mittlerweile konstituierten Vereins folgte im Februar 1904 ein dreitägiger Basar mit abschließendem orientalischen Fest in den berühmten Sagebiel’schen Sälen, an dem sich rund 100 Firmen und mehrere Hundert Aktive beteiligten.45 Er brachte nochmals ca. 20.000 Mark für den Baufonds ein. Durch weitere Spenden, Haussammlungen, Vortragsveranstaltungen von Kappesser und des Künstlers Ludwig Max konnte das Vereinsvermögen bis 1906 auf 100.000 Mark aufgestockt werden. Immerhin 691,48 Mark steuerte im Dezember 1905 auch der noch heute existierende  Bürgerverein von 1880 bei, eine Summe, die aus einer von ihm veranstalteten Verlosung zu Gunsten des Gemeindehauses stammten. Die letztlich noch fehlende, durchaus erkleckliche Summe kam dann noch von der Hamburger Sparkasse von 1827.

Im Archiv der Gemeinde findet sich ein Spendenaufruf des Vereins vom Mai 1903. Darin wurde zum ersten Mal öffentlich gemacht, welche Ziele er verfolgte. Gleich zu Anfang des Textes wird auf die „Gemeindepflege St. Georg“ und deren Raumbedarfe hingewiesen. Diese Einrichtung der Kirchengemeinde war von Pastor Alexander Detmer zum 1. Oktober 1887 ins Leben gerufen worden, um in bescheidenem Maße die Armen- und Krankenpflege zu betreiben. Diesbezüglich hatten in St. Georg Amalie Sieveking mit ihrem 1832 gegründeten „Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege“ und Elise Averdieck (1808-1907) mit der Diakonissenanstalt „Bethesda“ von 1856 schon die entscheidenden Impulse geliefert.46 Die in der Gemeindepflege tätigen Schwestern waren zunächst unter äußerst beengten Verhältnissen in der Bleicherstraße (der heutigen Schmilinskystraße) untergekommen und 1902 in nicht eben üppigere Räume in der Langen Reihe 92 umgezogen. Dieser Gemeindepflege angemessene Räumlichkeiten mit verschiedenen Angeboten und Publikumsverkehr zu schaffen, war von Anbeginn ein erklärtes Ziel des Gemeindehaus-Vereins.47 Auch die Gemeindepflege trug später mit rund 22.000 Euro maßgeblich zum Bau des Gemeindehauses bei.48

Zitieren wir eine längere Passage aus dem besagten Spendenaufruf des Gemeindehaus-Vorstandes vom Mai 1903. „Die unter dem Namen Gemeindepflege der St. Georger Kirche zusammengefassten Bestrebungen haben mit der Zeit einen derartigen Umfang gewonnen, daß für die weitere Entwickelung ein eigenes Heim zum dringenden Bedürfnis geworden ist. Zu der gut organisierten Armenpflege ist die Fürsorge für die heranwachsende Jugend gekommen. Dahin gehören u.A. der Kindergottesdienst, die Nähschule, der Lehrlingsverein und die Sammlung konfirmirter Mädchen. Zur Pflege edler Volksmusik besteht ein dreistimmiger Frauenchor, der demnächst zu einem gemischten Chor erweitert wird. Zur geistigen Anregung dient ferner eine im Sinne der öffentlichen Bücherhallen eingerichtete Bibliothek, die bei ca. 1000 Bänden gut gewählter Literatur durch freiwillige Kräfte täglich dem Publikum vermittelt wird. Endlich werden Bibelstunden und Vortragsabende veranstaltet. Und andere wichtige Aufgaben harren der Erledigung, so daß der Mangel eines geräumigen Gemeindehauses als ein großer Notstand empfunden wird.“ Dieser Aufruf wurde übrigens auch von vielen Kirchenvorstandsmitgliedern sowie Bürgervereinsvertretern unterzeichnet.49

Anfang 1905 hatte der Vereinsvorstand endlich auch ein geeignet erscheinendes Grundstück ausfindig gemacht, nämlich eine 926 Quadratmeter große, noch unbebaute Fläche an der Ecke Rostocker/Stiftstraße. Da es sich dabei um ein dem Hamburger Staate gehörendes Grundstück handelte, waren längere Verhandlungen nötig. Eine eigens eingesetzte Bürgerschaftskommission beriet das Thema abschließend erst Ende 1905. Es gab Kontroversen u.a. um die Frage, ob das Grundstück nicht möglicherweise für die Erweiterung der benachbarten Volksschule – sie ist aktuell im Gespräch, weil die stadteigene Sprinkenhof-AG das Gebäude, gegen den Widerstand aus dem Stadtteil, im Höchstgebotsverfahren verkaufen will – frei gehalten werden sollte. Letztlich empfahl der Ausschuss dem Senat aber mit Mehrheit, dem Verein das Grundstück in Erbbaupacht für 80 Jahre zu überlassen.50 Der entsprechende Vertrag konnte mit der Finanzdeputation schließlich am 7. März 1906 abgeschlossen werden. Ein Bauausschuss wurde gebildet, dem neben Kappesser, August Doss, Gustav Gramcko und Arthur F. Röding auch Julius Faulwasser (1855-1944) angehörte. Letzterer sollte zum Architekten des neuen Gemeindehauses werden. Der zur backsteinverliebten Hannoverschen Schule zu zählende Baumeister war langjähriger St. Georger und hat nicht nur ein grundlegendes Buch über die Dreieinigkeitskirche verfasst,51 sondern auch einige Gebäude der Amalie Sieveking-Stiftung sowie Kirchenbauten in der Stadt entworfen.52 Der erste Spatenstich zum Gemeindehaus erfolgte schließlich am 3. August 1906, die Erstbelegung dann im Juni 1907.53 Rund 180.000 Mark mussten letztlich aufgebracht werden,54 eine Dimension, die den Gemeindehaus-Vorstand noch lange über den Bau hinaus beschäftigte.

Die Einweihungsfeier für das neue Gebäude an der Stiftstraße 15/17 fand am 8. September 2007 im großen Versammlungssaal des Gemeindehauses statt. Er fasste nach seiner Fertigstellung ca. 350 Personen, hatte Garderobenräume und eine kleine Teeküche. Neben den obligatorischen musikalischen Beiträgen hielten die Reden Senator Sander, Senior Behrmann, Alfred Kappesser und – Oskar Detmer.55

Einer Beschreibung von Anfang 1933 entnehmen wir, in welcher Weise das Gemeindehaus ab 1907 genutzt wurde: „In dem geräumigen Keller hatte die Patriotische Gesellschaft ihre Zentrale für Säuglingsmilch-Bereitung, und eine Haushaltungsschule bezog die modernen Lehrküchen. Der große Saal (jetzt Luthersaal) mit einem Steinway-Flügel <er hatte allein 1500 Mark gekostet, trotz Ermäßigung um 600 Mark; M.J.> und Lichtbild-Apparat ausgestattet, diente der Veranstaltung von Gemeinde-Abenden und Festlichkeiten. In den Garderobenräumen war der von Herrn Pastor Ladendorf eingerichtete Arbeitsnachweis untergebracht. Im linken Flügel des Parterres bezog der Hauswart eine geräumige Wohnung und für den Fröbelkindergarten standen zwei große luftige Klassenzimmer bereit. Mehrere Säle im I. Stock, der Obersaal, der Lehrsaal (jetzt Kappesser-Saal) und zwei Vereinssäle boten zahlreichen Veranstaltungen der verschiedensten im Dienste der Gemeindearbeit stehenden Vereine, insbesondere
der Gemeindepflege Raum; in einem Sprechzimmer und geräumigen Vorstandszimmer wurde die Verwaltungsarbeit erledigt. Bei späterem Platzmangel diente das letztere dem Jungmädchen-Bund als Heim. Im II. Stock fand die große Schwestern-Station mit 8 stationierten Zehlendorfer Diakonie-Schwestern ihr gemütliches Heim, und schließlich birgt das Haus 13 Wohnungen für alleinstehende Damen.“56

Rund 100.000 – sicher mehrfach gezählte – BesucherInnen soll das Gemeindehaus im Winter 1908/1909 aufgenommen haben, „ohne die Besucher fremder Saalveranstaltungen. Damit war das Haus ständig voll“, erinnerte sich Erich Kappesser knapp zweieinhalb Jahrzehnte später.57 Das Konzept schien also aufgegangen zu sein, gemessen an den folgenden Jahresberichten u.a. der Gemeindepflege kristallisierte sich das Gemeindehaus tatsächlich als neuer Mittelpunkt der St. Georger ev.-luth. Christen heraus. Und nicht nur das, denn auch z.B. der „Arbeiter-Schachverein Gross-Hamburg“ – eine der Kulturorganisationen der Arbeiterbewegung – überwand alle Gräben und  siedelte um 1921 seine „Zentralabteilung“ für den Großraum Hamburg ausgerechnet im Gemeindehaus an.58

Ganz geheuer aber blieb den Gemeinde(haus)vertretern die Umgebung nicht, denn gleich gegenüber erstreckte sich der ehemalige Grützmachergang (parallel zur heutigen Revaler Straße), die Hochburg der kommunistischen Arbeiterschaft noch bis 1933. Auf einen Antrag der Frauenschaft der NSDAP von Ende 1932, einen Saal im Gemeindehaus für die Durchführung von Nähabenden zu mieten, reagierte der Vorstand im Grunde ablehnend, da man es – allemal in so brisanten Zeiten – vermeiden wolle, irgendeine Verbindung zu einer politischen Partei herzustellen. „Unser Haus“, heißt es in dem Antwortschreiben vom 8. Dezember 1932, „liegt insofern besonders unglücklich, als es von  einer rein kommunistischen Wohnbevölkerung umgeben wird und die Gefahr von Unzuträglichkeiten dadurch besonders groß ist.“ Aber in diesem Falle wolle man die Nutzung  dennoch akzeptieren, sofern auf alle politischen Bekundungen und Fahnen etc. verzichtet würde.59 Ein halbes Jahr später, auf einer Gemeindehaus Vorstandssitzung am 10. Mai 1933, wurde unter Tagesordnungspunkt 5 lapidar beschlossen, „dass gegen die Vermietung von Räumen an politische Verbände und Parteien keine Bedenken mehr erhoben werden.“60 Es gab ja auch nur noch die NS-Organisationen.

So entwickelte sich das Gemeindehaus ab 1907 mitten in einer von der Arbeiterschaft bewohnten Umgegend und dürfte damit seinen durchaus beabsichtigten Einfluss ausgeübt haben. Die Auswahl des Standortes fernab der Dreieinigkeitskirche – mehr oder weniger in gleicher Distanz zur abtrünnigen Stiftskirchengemeinde in der Stiftstraße – dürfte  dennoch vor allem dem Zufall eines geeignet erscheinenden und zur Verfügung stehenden Grundstücks gezollt gewesen sein. Von der Stadt (!) wurde 1920 beim  Oberbaudirektor Fritz Schumacher der Entwurf eines Pfarr- und Gemeindehauses auf dem (heutigen Spielplatz) St. Georgs Kirchhof in Auftrag gegeben.61 Ob damit ggfs. verbunden war, das Grundstück an der Rostocker/Stiftstraße zurückzuverlangen und z.B. für einen Schulausbau zu nutzen, ist unklar; eine Antwort auf diese Frage bleibt der weiteren Forschung vorbehalten. Die Pläne wurden damals jedenfalls verworfen.

Michael Joho

  1. Sieveking, Amalie: Zweites Sendschreiben der Vorsteherin des weiblichen Vereins für Armen- und Krankenpflege an ihre Freunde unter den Armen. Hamburg 1848. S. 17.
  2. Wischermann, Clemens: Wohnen in Hamburg vor dem Ersten Weltkrieg. Münster 1983. S. 438.
  3. Ebenda.
  4. Ebenda.
  5. Joho, Michael: „Dies Haus soll unsere geistige Waffenschmiede sein“ (August Bebel). 100 Jahre Hamburger Gewerkschaftshaus 1906-2006. Hamburg 2006. S. 13ff.
  6. Hennig, Martin: Beiträge zur nordelbischen und zur hamburgischen Kirchengeschichte. Breklum 1988. S. 61.
  7. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 4 (1907) 16, vom 21.4.1907. S. 126.
  8. Overlack, Victoria: Zwischen nationalem Aufbruch und Nischenexistenz. Evangelisches Leben in Hamburg 1933-1945. Hamburg 2007. S. 38.
  9. Melhop, Wilhelm: Historische Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg von 1895-1920. Mit Nachträgen bis 1923. I. Bd. Hamburg 1923. S. 177f.
  10. Henning 1988, a.a.O., S. 37.
  11. Jensen, Wilhelm (Hrsg.): Die hamburgische Kirche und ihre Geistlichen seit der Reformation. Hamburg 1958. S. 195f.
  12. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 1 (1904) 4, vom 24.4.1904. S. 30.
  13. Severin, Günther: Jahre einer Gemeinde. Eilbek 1872-1943. Hamburg 1985. S. 48.
  14. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 1 (1904)vom 15.7.1904. S. 129.
  15. Jensen 1958, a.a.O., S. 197.
  16. Gottwald, Herbert/Herz, Heinz: Deutscher Protestantenverein (DPV) 1863-1945. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. In vier Bänden. Bd. 2. Hrsg. von Dieter Fricke u.a. Köln 1984. S. 251-257.
  17. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 1 (1904) 11, vom 12.6.1904. S. 92.
  18. Joho, Michael (Hrsg.): St. Georg lebt! 125 Jahre Bürgerverein St. Georg – ein Lese-Bilder-Buch. Hamburg 2005. S. 13ff.
  19. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 3 (1906) 47, vom 18.11.1906. S. 385.
  20. Ebenda, S. 386.
  21. Joho 2006, a.a.O., S. 34.
  22. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 4 (1907) 15, vom 14.4.1907. S. 114.
  23. Hering, Rainer: Vom Seminar zur Universität. Die Religionslehrerausbildung in Hamburg zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Hamburg 1997. S. 23.
  24. Overlack 2007, a.a.O., S. 39.
  25. Joho, Michael: Vor 80 Jahren: Einweihung der ersten, vereinseigenen Turnhalle des Hamburger Arbeitersports. In: Sozial- und Zeitgeschichte des Sports, Aachen, 7 (1993) 3. S. 7-28.
  26. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 4 (1907) 20, vom 19.5.1907. S. 157.
  27. Gottwald, Herbert: Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands (GCG) 1901-1933. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. In vier Bänden. Bd. 2. Hrsg. von Dieter Fricke u.a. Köln 1984. S. 729-768.
  28. Ruck, Michael: Gewerkschaften – Staat – Unternehmer. Die Gewerkschaften im sozialen und politischen Kräftefeld 1914 bis 1933. Köln 1990. S. 203.
  29. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 4 (1907) 7, vom 17.2.1907. S. 54.
  30. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 3 (1906) 16, vom 15.4.1906. S. 129.
  31. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 3 (1906) 8, vom 18.2.1906. S. 61.
  32. Classen, Walther: Sechzehn Jahre im Arbeiterquartier. Hamburg 1932. S. 16.
  33. Ebenda, S. 146.
  34. Möller, J.: Das evangelische Gemeindehaus. Berlin 1928. S. 3ff.
  35. Schäfer, Theodor: Die Bedeutung des Gemeindehauses. In: Das Gemeindehaus. Hrsg. von P. Cremer. Potsdam 1905. S. 1.
  36. Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 5 (1908) 20, vom 17.5.1908. S. 157.
  37. Knolle, Theodor: Kirchliche Chronik. In: Hamburger Kirchenkalender 1933. Jahrbuch für die Hamburgischen Gemeinden. Hrsg. von Heinz Beckmann und Theodor Knolle. Hamburg 1932. S. 122.
  38. Wendland, Gerhard: Gotteshaus und Gemeindehaus – ein Plädoyer für die offene Kirchentür. In: Pastoraltheologie, Göttingen, 86 (1997). S. 363.
  39. Kappesser, Erich: Festrede, gehalten zur Feier des Dreißigjährigen Bestehens des Vereins zur Errichtung eines Gemeindehauses und Fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Gemeindehauses am Sonntag, den 12. Februar 1933. Hamburg 1933 (Abschrift von Harald Riege 2007). S. 4.
  40. Ebenda, S. 7f.
  41. Jensen 1958, a.a.O., S. 196f.
  42. Wenn nichts anders angegeben, sind die Informationen dem ersten Protokollbuch über die Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen des Vereins St. Georger Gemeindehaus e.V. entnommen, zu finden im Archiv der Kirchengemeinde St. Georg, Nr. 104.
  43. Alfred Detmer an Erich Kappesser vom 17.5.1903. In: Kirchenarchiv St. Georg, Nr. 495.
  44. Lutherfestspiel im Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg am 3., 4., 5., 6., 7., 8. Juni 1902. Luther, historisches Charakterbild in 7 Abtheilungen, von Dr. Otto Devrient. Hamburg 1902 (Programm).
  45. Kappesser 1933, a.a.O., S. 11f.
  46. Joho, Michael: Alt genug für neue Wege. 175 Jahre Amalie Sieveking-Stiftung. Hamburg 2007. S. 34.
  47. 25 Jahre St. Georger Gemeindehaus 1907-1932. Hamburg 1933 (im Anhang zu: Kappesser 1933, a.a.O., S. 17.
  48. 20. Jahresbericht der Gemeindepflege zu St. Georg über das Jahr 1907. Hamburg, im März 1908. S. 3.
  49. Der Aufruf findet sich im Kirchenarchiv St. Georg unter der Signatur 182.
  50. Bericht des von der Bürgerschaft am 5. Juli 1905 niedergesetzten Ausschusses zur Prüfung des Antrags des Senats (Nr. 124) betreffend Überlassung eines Platzes an der Rostockerstraße für ein Gemeindehaus der St. Georger Kirche. Drucksache Nr. 59, vom Dezember 1905. In: Kirchenarchiv St. Georg, Nr. 495.
  51. Faulwasser, Julius: Die Heilige Dreieinigkeits-Kirche genannt die St. Georger Kirche in Hamburg. Hamburg 1928.
  52. Faulwasser, Julius: Kirchliche Bauten. In: Hamburgisches Kirchenblatt, Hamburg, 3 (1906) 37, vom 9.9.1906. S. 302.
  53. Kappesser 1933, a.a.O., 11f.
  54. Faulwasser 1928, a.a.O., S. 53.
  55. 25 Jahre St. Georger Gemeindehaus 1907-1932. Hamburg 1933 (im Anhang zu: Kappesser 1933, a.a.O., S. 17.
  56. Ebenda.
  57. Kappesser 1933, a.a.O., S. 12.
  58. Festschrift der ersten Reichs-Arbeiter-Sportwoche des Kartells für Arbeiterbildung Sport und Körperpflege Groß-Hamburg. Vom 28. Mai bis 5. Juni 1921. Hamburg 1921. S. 130.
  59. Schreiben des Gemeindehaus-Vorstandes an die Frauenschaft der NSDAP vom 8.12.1932. In: Kirchenarchiv St. Georg, Nr. 182.
  60. Vorstandsprotokoll vom 10.5.1933. In: Kirchenarchiv St. Georg, Nr. 496.
  61. 61 Frank, Hartmut (Hrsg.): Fritz Schumacher. Reformkultur und Moderne. Hamburg 1994. S. 261.

BesenbinderhofVon Michael Joho

Das Jahr 1906 war zweifellos eines der bewegtesten in der Hamburger Geschichte. Mit einem politischen Knall war es in der Stadt gleich am 17.1.1906 los gegangen, fand an diesem Tag doch der erste politische Generalstreik Deutschlands statt. Er richtete sich gegen den „Wahlrechtsraub“, d. h. gegen den Ausschluss von Kleinverdienern, also vor allem der sozialdemokratisch eingestellten Arbeiterklasse von politischen Wahlentscheidungen. So ganz anders motiviert war am 2.6.1906 die Enthüllung des Bismarck-Denkmals an der Helgoländer Allee, und wieder ganz anders die Einweihung der Synagoge am Bornplatz am 13.9. Es folgten am 5.12. die Eröffnung des Hauptbahnhofs an der Kirchenallee mit seiner damals größten Bahnhofshalle in Deutschland und als glorreicher Abschluss die Einweihung des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof am 29.12.1906.

Schon seit 1894 hatten die Gewerkschaften Überlegungen getätigt, für ihre im Anwachsen begriffenen rund 36.700 Mitglieder (1900) Verwaltungsbüros zu schaffen. Ebenso  bedurfte es aber auch großer Versammlungssäle und nicht zuletzt einer Herberge für die ca. 10.000 reisenden Gesellen und Arbeiter (1893), die als Organisierte Anspruch auf  Unterstützung hatten. Aber erst 1904 wurde es Ernst: Der Gründung einer Gewerkschaftshaus Hamburg GmbH folgte der Ankauf eines Geländes am Besenbinderhof.  Mitbeteiligt waren die Konsum-, Bau- und Sparvereinigung „Produktion“ und die SPD, vor allem deren I. Wahlkreis, in dessen Einzugsgebiet das Gewerkschaftshaus dann  innerhalb von 15 Monaten errichtet wurde. Die Einweihungsrede hielt der Führer der Sozialdemokratie, August Bebel (1840-1913), der über Hamburgs I. Wahlkreis ab 1883 fast durchgängig bis zu seinem Tod in den Reichstag gewählt wurde. Von ihm stammt das geflügelt Wort von der „geistigen Waffenschmiede, wo nicht nur die Kämpfe zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter beschlossen, sondern auch die Kriegspläne beraten werden, wie dem Proletariat dauerhaft geholfen werden kann“.

Binnen kürzester Zeit entwickelte sich das Gewerkschaftshaus zum Zentrum längst nicht nur der hamburgischen Arbeiterbewegung: Hier wurde 1907 der örtliche  Arbeitersamariterbund konstituiert, 1918 quartierte sich kurzfristig der Arbeiter- und Soldatenrat ein, 1919 tagte die Gründungsversammlung der Volksbühne, 1923 die der Sozialistischen Arbeiterinternationale, auf dem ADGB-Bundeskongress. 1928 stellte Fritz Naphtali (1880-1961) das für die deutschen Gewerkschaften so wichtige Konzept der „Wirtschaftsdemokratie“ vor. Noch wichtiger für die Hamburger Arbeiterschaft war sicherlich, einen Treffpunkt zu haben, zu dem die GenossInnen strömten, wenn es irgendwo in der Stadt politisch brannte. 5 bis 8000 Menschen fanden im Haus Platz, und reichte der nicht, versammelten sich die Übrigen auf dem Besenbinderhof.

Am 2.5.1933 machten de Nazis Schluss damit. Tags zuvor hatten sie noch zur Teilnahme an ihrer „Maifeier“ im Stadtpark aufgerufen, unterstützt vom ADGB, der sich durch  seine Anbiederung das Überleben der Organisationen erhoffte. Doch am 2. Mai stürmten SA und SS das Gewerkschaftshaus, nahmen die Funktionäre fest, verbrannten erst die  alten Traditionsfahnen, später auch Teile der wertvollen Gewerkschaftsbibliothek. Für 12 Jahre wurde aus dem Gewerkschaftshaus nun das „Haus der Arbeit“, geführt von der  „Deutschen Arbeitsfront“, die sich sämtliche Besitztümer der Gewerkschaften und deren Mitglieder einverleibte.

Als am 8.5.1945 in der Welt gerade die Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert wurde, saßen die überlebenden Antifaschisten aus SPD, KPD und kleineren Gruppierungen  schon wieder im Gewerkschaftshaus. Hier gründeten sie auch offiziell am 11.5. die „Sozialistische Freie Gewerkschaft“ – eine Antifa-Organisation der ersten Wochen, die eine Verknüpfung von gewerkschaftlicher und politischer Arbeit anstrebte – und davon ausging, nun auf den Trümmern der alten eine neue sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Doch ältere Funktionäre aus der Zeit der Weimarer Republik setzten bald wieder auf die Branchengewerkschaften, deren Zusammenschluss dann 1949 im DGB mündete. Wenn das Gewerkschaftshaus z.T. auch bereits ab dem 14.9.1945 den KollegInnen wieder zur Verfügung stand, nicht ohne dass an diesem Tag das DAF-Symbol (ein Hakenkreuz im  Zahnrad) durch den Baugewerkschafter Paul Bebert (1893-1976) abgeschlagen worden wäre, sollte sich die Rückübertragung aus dem Zugriff der britischen Besatungsmacht noch bis 1949 verzögern.

In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde das Gewerkschaftshaus wieder zur Organisations- und zum Anlaufpunkt der meisten Hamburger Verbände, zuletzt beim Ver.di- Streik im Frühjahr 2006, als sich hier jeden Morgen Hunderte StreikaktivistInnen trafen, um die Aktionen für den Tag zu beraten. Auch die Maidemonstrationen fanden auf dem Besenbinderhof oftmals ihren Auftakt oder Abschluss. Noch einmal besetzt wurde das Gewerkschaftshaus am 4.5.1980. Dieses Mal waren es allerdings 3 bis 4000  GewerkschafterInnen, die durch ihre Präsenz eine Veranstaltung der rechtsextremistischen DVU in der Gaststätte des Hauses verhinderten.

In jüngster Vergangenheit stellt sich das Gewerkschaftshaus nicht nur angestrahlt und generalüberholt dar. Die Ausstellungs- und Veranstaltungshäufigkeit hat spürbar  zugenommen, das Foyer wurde auf Vordermann gebracht, und zur Jahreswende 2005/06 ist ein Kulturverein Gewerkschaftshaus ins Leben gerufen worden, der mit  Ausstellungen, Veranstaltungen, Konzerten und sonstigen Aufführungen lockt. Dass sich zudem „das Gewerkschaftshaus“ und seine MitarbeiterInnen weiterhin um Fragen der Interessenvertretung, Rechtshilfe, Bildungsangebote, Frauen- und Tarifpolitik etc. kümmern, liegt auf der Hand. Wozu u.a. die Mobilisierung von allein 2000 KollegInnen für  die Teilnahme an der Berliner DGB-Großdemonstration gegen die „Gesundheitsreformen“ usw. zählte.

Es tut sich also wieder etwas am Besenbinderhof!

(Dezember 2006)

Buchbeitrag von Michael Joho

erschienen in »Hamburg: Gespaltene Stadt? Soziale Entwicklungen in der Metropole«

Hrsg. von Gerd Pohl und Klaus Wicher. Hamburg 2013. S. 158 - 181

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Buchbeitrag von Michael Joho

erschienen in »Lebenswertes Hamburg. Eine attraktive und soziale Stadt für alle?«

Hrsg. von Gerd Pohl und Klaus Wicher. Hamburg 2019. S. 145 - 164.

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