Geschichte

Geschichte St. Georgs – vom Mittelalter bis heute

Die Lohmühle an der Alster um 1845

Die Lohmühle an der Alster um 1845

 

Zeitsprünge. Dreizehn Jahre, herausgesucht aus der über 800 jährigen Geschichte St. Georgs. Kurze Texte mit den wichtigsten Informationen, die Ihnen einen Überblick über das Werden des Stadtteils geben. Beginnen Sie 1194 mit der Gründung des Leprahospitals und erfahren Sie etwas über Leprakranke und Siechen. Enden Sie 2021 und erfahren Sie dort etwas über Abrissbirnen, Bodenpreise und Spekulantentum. Los gehts.

1194: Die Geschichte beginnt

Die Geschichte St. Georgs beginnt 1194 mit der Gründung des Leprahospitals, benannt nach St. Jürgen (später St. Georg) dem Schutzpatron der Kreuzfahrer, sowie der Leprakranken und Siechen, auf bis dahin unbesiedelten Gelände ca. einen Kilometer vom hamburgischen Stadtwall entfernt. Graf Adolf der III von Schauenberg und Holstein, selbst Kreuzritter, konnte durch die Stiftung seine christliche Bußfertigkeit unter Beweis stellen. Immer wieder erhielt das Hospital großzügige Zuwendungen von Kreuzrittern, hatten diese doch die Krankheit aus dem Orient eingeschleppt. Da die Krankheit als unheilbar galt, führte die Angst vor Ansteckung dazu die Kranken streng von der Gemeinschaft zu isolieren.

1296 erließen der Rat der Stadt und die Kirchenoberen, die mittlerweile die Verwaltung des Siechenhauses innehatten, Statuten, nach denen den Kranken das Betreten der Stadt strengstens verboten war. Weiße Kleidung war zur Erkennung vorgeschrieben. das Areal des Hospitals durfte nicht verlassen werden. Notwendige Besorgungen in der Stadt wurden einem gesunden Boten übertragen.

Anfang des 15. Jahrhunderts – die Lepra war weitgehend eingedämmt – fanden im Siechenhaus zunehmend Kranke aller Art und arme alte Frauen Aufnahme. Obwohl die Stiftung bis 1951 weitergeführt wurde, sind keine Spuren mehr vorhanden. Der letzte Gebäudekomplex fiel 1973 Bürohäusern der »Volksfürsorge« zum Opfer.

1609: Galgen, Bleichwiesen und Schweinekoven

Bis ins 17. Jahrhundert waren Ansiedlungen außerhalb der hamburgischen Wallanlagen verboten, dies galt auch – mit Ausnahme des Siechenhauses – für St. Georg. Dennoch gab es wilde Ansiedlungen. Die Stadt Hamburg wurde zu eng. Im Lauf der Zeit zogen immer mehr Betriebe und zunehmend auch die dort Beschäftigten auf die Wiesen St. Georgs.

Vor allem im 17. Jahrhundert nahm die Zahl der Betriebe wie der Pulver-, der Lohmühle oder der Bleichwiesen zu. Bis auf eine Ansiedlung von Schweinezüchtern direkt neben der Abdeckerei und einigen Hütten der Zimmerleute am Borgesch, bestand das restliche Gebiet noch weitgehend aus Ackerland und Wiesen. 1609 wurde hierhin der hamburgische Galgen verlegt, zu dem man über den »Armesünderdamm« dem Steindamm, gelangte.

Eine ganz andere Bedeutung bekam die gepflasterte Straße nach 1652. Der Steindamm sowie die Große Allee (heute Adenauerallee) wurden zu baumgesäumten Spazierwegen für die mittlerweile zahlreichen Hamburger Ausflügler hergerichtet. Die vielen Betriebe machten die Einbeziehung St. Georgs in die Befestigung der Stadt schließlich unumgänglich. Daher wurde zwischen 1679 und 1681 ein zweiter, vorgelagerter Wall, das »Neue Werk« auf der Höhe des heutigen Krankenhauses St. Georg errichtet.

1700: Allmähliche Verstädterung

Durch die Errichtung des neuen Walls kam es zu einer verstärkten Besiedlung St. Georgs. Hamburger Bürger entdeckten das Gebiet zwischen Alster und Geestabhang für sich und errichteten Garten- und Sommerhäuser. 1722 beschrieb Johann Balthasar Hempel das Gebiet als einen Ort mit sauberen Häusern, geraden Baufluchten, Straßen und schönen Baumalleen.

1747 wurde die alte Kirche durch einen neuen, größeren Bau, der Dreieinigkeitskirche ersetzt, um Platz für die anwachsende Bevölkerung zu schaffen. Die eigentliche Verstädterung fand jedoch im 19. Jahrhundert statt. So wurde 1799 das Gelände östlich der Langen Reihe von der Stadt zur Bebauung veräußert.

Einschneidende Folgen hatte jedoch die französische Besetzung Hamburgs ab 1806. Französische Truppen wurden in St. Georg stationiert und viele St. Georger verließen ihre Wohnstätten. Nach Abzug der Truppen 1814 war St. Georg ein verwüstetes Quartier. Die Mieten sanken noch unter das Niveau der Armenviertel in der Altstadt. Wohlhabendere Bürger waren aus dem Quartier abgewandert und nur die Ärmsten der Armen siedelten sich an. Dies änderte sich nach dem großen Brand 1842, in dessen Folge auch wieder wohlhabendere Bürger ins Quartier zogen.

1800: Von der Vorstadt zum Stadtteil

Die sich zunehmend im Stadtteil ansiedelnden betuchteren Bürger versuchten verstärkt gleichberechtigte Bürger der Stadt Hamburg zu werden. 1830 erhielt St. Georg den Status einer Vorstadt. So hatten die Bürger St. Georgs zwar Steuern zu entrichten, besaßen aber keinerlei politische Mitspracherechte. Zwischen 1816 und 1848 versuchte das St. Georger Besitzbürgertum in Flugschriften politische Rechte einzuklagen. Steuerlasten und Torsperre belasteten aber vor allen die Besitzlosen.

Noch bis 1860 waren Sperrschillinge zu zahlen, wenn man nach Einbruch der Dämmerung das Tor zwischen Hamburg und St. Georg – den einzigen Durchlass – überqueren wollte. Während der revolutionären Ereignisse 1848 wurde das Steintor kurzerhand in Brand gesetzt. 1860 schließlich wurde die Torsperre aufgehoben und 1868 verkündete der Senat die vollständige Vereinigung der Vorstadt mit Hamburg.

Dies führte zu einem rapiden Anstieg der Bevölkerungszahlen. Lebten 1868 noch 21 000 Menschen im Viertel, so waren es 1880 bereits 60 000. St. Georg entwickelte sich schnell zu einem Stadtteil, in dem vor allem der Mittelstand, d. h. kleine Gewerbetreibende, Handwerker und akademische Berufe dominierten. Es konstituierten sich St. Georger Bürgervereine, die unterschiedliche politische Gruppierungen und bürgerliche Schichten vertraten, in der Abwehr der aufkommenden Sozialdemokratie jedoch einig waren.

1842: Die Entwässerung des Hammerbrooks

Von 1842 an wurde nach Plänen des englischen Ingenieurs William Lindley ein Teil des Marschgebiets des Hammerbrooks entwässert und mit dem Schutt aus der im selben Jahr abgebrannten Innenstadt aufgeschüttet, um in großem Umfang bebaut zu werden.

Binnen kurzer Zeit entstand so eines der größten Arbeiterviertel Hamburgs: Ein rechtwinkliges System aus Straßen und Kanälen, gesäumt von großen Mietskasernen, deren Höfe nur wenige Meter breit waren. Hier fanden vor allem die Menschen, die nach 1881 der Hafenerweiterung und dem Bau der Speicherstadt weichen mussten, eine neue Unterkunft.

»Jammerbrook« wurde das dicht bevölkerte Gebiet genannt. »Ein hässliches Wirrwarr von Wohnhäusern, Lagerplätzen, Fabriken, Eisenbahnanlagen, schmutzigen Kanälen und Pferdeställen, untermischt mit grauen Mietskasernen«, so beschrieb das sozialdemokratische »Hamburger Echo« das Bauspekulationsgebiet.

Trotz dieser tristen, lichtlosen und engen Verhältnisse entwickelten die Bewohner eine starke Verbundenheit zu ihrem Quartier. Das Proletarierviertel, das zum Ruf des »roten Hamburgs« beitrug, wurde durch die britischen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg (Operation Gomorrha, 1943) fast vollständig zerstört. An das alte Hammerbrook erinnern heute – angesichts der Entstehung der neuen »City-Süd« – nur noch wenige Gebäude und die Bezeichnungen der meisten Straßenzüge.

1878: Das Geschäft mit dem Borgesch

Der Hansabrunnen – Zentrum des Hansaplatzes – wurde 1878 eingeweiht. Verantwortlich für dieses Projekt war die »Hanseatische Baugesellschaft«, die mit der Stadt Hamburg ein – wohl für beide Seiten – profitables Geschäft abgeschlossen hatte. Die Gesellschaft erhielt die Baugrundstücke des Borgesch, die Gegend um den heutigen Hansaplatz, musste im Gegenzug dazu die Kosten für die Erschließung mit Straßen, Sielen, Gasleitungen und Straßenbeleuchtung übernehmen. Die eindeutigen Verlierer waren die Zimmerer und anderen kleinen Leute, die den Borgesch bisher bewohnt hatten. Sie wurden gegen ihren Willen vertrieben. An sie erinnern heute nur noch zwei Straßennamen: Borgesch und Zimmerpforte.

Der zentrale Platz wurde zum Hansaplatz. Die Hauptfigur des Brunnens verweist allegorisch auf die Hanse, symbolisiert also die mittelalterliche Handelsgesellschaft der Städte und ihrer Bürger. Die neu entstandenen Straßen wurden nach bedeutenden Hansestädten benannt, deshalb also Danziger, Greifswalder, Revaler, Rostocker und auch Soester Straße.

Hansaplatz und Hansabrunnen entwickelten sich zu einem Zentrum des bürgerlichen Lebens im Viertel – heute hingegen gilt der Platz als Inbegriff des sozialen Elends und des »Drogenviertels« St. Georg.

1900: Vom Friedhofsgelände zum Hauptbahnhof

Die Eröffnung des Hauptbahnhofs 1906, auf den ehemaligen Begräbnisplätzen von St. Jacobi und St. Georg, bedeutete einen grundlegenden Einschnitt in das Gefüge St. Georgs. Der Stadtteil St. Georg entwickelte sich in der Folge zu einem typischen Bahnhofsviertel.

Mit dem Bahnhofsneubau wurden die bisher selbständigen Stationen der Verbindungsbahn, der Berliner-, der Lübecker- und der Hannoverschen-Eisenbahn unter einem Dach zentralisiert. Das Gebäude des Hauptbahnhofs war einerseits mit seiner Glas-Eisen-Konstruktion ein von zeitgenössischen Kritikern hoch gelobtes Beispiel moderner Zweckarchitektur, andererseits war dieser technische Kern ohne repräsentative Umkleidung zu seiner Zeit kaum vorstellbar gewesen. Aufgrund kaiserlicher Interventionen nutzte man hierzu nicht die geplanten Jugendstilelemente sondern einen historisierenden Renaissancestil.

Rund um den neu entstandenen Verkehrsknotenpunkt entwickelte sich schnell ein Milieu aus Hotels, Gaststätten und anderen Vergnügungsbetrieben, das nicht von den Wünschen der Anwohner, sondern von den Bedürfnissen der an- und abreisenden Fahrgäste bestimmt wurde. Die Kirchenallee verlor ihr ehemals beschauliches Gesicht; es entstand die uns heute vertraute Fassade aus Hotels, Gaststätten, Theater und Biberhaus.

1920: Das – einstmalige – Einkaufsparadies

War der Steindamm noch bis in die Zeit um 1860 eine Straße mit ländlichem Charakter, so hatte sich das Bild zu Anfang des 20.Jahrhunderts radikal gewandelt. Besonders in seinem oberen Bereich in Hauptbahnhofsnähe war der Steindamm jetzt ein großstädtischer Boulevard und zugleich eine der besten Einkaufsadressen Hamburgs. Der Steindamm war eine der verkehrsreichsten Straßen der Stadt. Hier fuhr auch die elektrische Straßenbahn, die vormals als Pferde- und später als Dampfeisenbahn Hamburg und Wandsbek verband.

Nach der Zerstörung des nordöstlichen Steindamms im Zweiten Weltkrieg 1943 verzichtete man auf den Wiederaufbau als gemischte Wohn- und Geschäftsstraße und verbreiterte zudem den Steindamm zu einer vierspurigen Durchgangsstraße. Von der einst beliebten Einkaufsstraße, die in den 1920/30er Jahren 300 – 400 Läden beherbergte, ist heute nur noch der von Spielhallen und Sex-Shops geprägte Teil zwischen Kreuzweg und Steintorplatz übrig geblieben. Entstanden ist in den 1950/60er Jahren eine triste, vom Autoverkehr gezeichnete Büromeile.

1930: dominierender Einfluss des Kleinbürgertums

Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte in Deutschland zu einer tiefen politischen und moralischen Krise. Bis 1932 stieg die Zahl der Arbeitslosen auf sechs Millionen an, Tausende von Betrieben und Werkstätten gingen in Konkurs. Vor dem Hintergrund dieser zugespitzten ökonomischen Lage und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Konflikten konnte die NSDAP innerhalb weniger Jahre mit einer beispiellosen Brutalität und Demagogie die Machtübernahme erreichen.

Betrachtet man damalige Wahlergebnisse so zeigt sich, dass der dominierende Einfluss des Kleinbürgertums in St. Georg-Nord 1928 für einen gegenüber Hamburg und vor allem im Verhältnis zum proletarischen St. Georg-Süd (Hammerbrook) überdurchschnittlichen Einfluss der rechtsgerichteten Parteien sorgte.

Die Arbeiterparteien SPD und KPD demgegenüber, lagen in St. Georg-Nord schon 1928 deutlich unter dem Hamburger und vor allem unter dem Hammerbrooker Schnitt. Der Anteil von Wählerstimmen für die NSDAP stieg von 3,5% im Jahre 1928 auf 23,5% im Jahre 1930 an, und lag so um 6,1% über dem Hamburger und 17,9% über dem Hammerbrooker Durchschnitt.

Überfälle von Nazis auf Arbeiterkneipen und heraushängende Hakenkreuzfahnen gerade im Wahljahr 1932 unterstreichen, dass die NSDAP in St. Georg schon vor der Machtergreifung einen starken Rückhalt hatte. So heißt es im sozialdemokratischen »Hamburger Echo« vom 13.Juli 1932: »St. Georg, Hohenfelde und Eilbek haben sich in den letzten Wahlkämpfen unrühmlich ausgezeichnet: Sie entlarven sich an ihren Flaggen und Wahlergebnissen als besondere Stützepunkte der nationalsozialistischen ‚Arbeiter‘-Partei. St. Georg schrie ‚Heil Hitler‘...«.

Und ein St. Georger Nazi schrieb 1935 rückblickend: »Das Recht der Straße hat sich die SA in jeder Weise erkämpft, und die Roten wissen, dass in St. Georg für sie ein ungleich gefährlicheres Pflaster ist, als es etwa die Neustadt war oder gar Hammerbrook, wo sich kein SA-Mann allein sehen lassen kann, ohne angefallen zu werden. In St. Georg ist das nicht mehr möglich. Die SA ist stark und wach« (Bernd Ehrenreich: Marine-SA, Hamburg 1935, S.105).

1933: Zerschlagung der demokratischen Strukturen

Nur wenige Tage nach der Machtergreifung durch die Nazis wurden die demokratischen Strukturen zerschlagen. Insbesondere waren auch die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften betroffen. So wurde auch das »Kommunelokal« der KPD des Kneipiers Scheibel in der Rostocker Straße ein frühes Opfer faschistischer Gewalt. Nachdem die Nazis am 1-Mai 1933 einen »Tag der nationalen Arbeit« inszeniert hatten, besetzten sie am darauf folgenden Tag das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof und die gewerkschaftseigene Volksfürsorge sowie eine Reihe anderer Einrichtungen der Arbeiterbewegung.

Am 30. Mai 1933 fand auf dem Lübeckertordamm eine zweite Bücherverbrennung in Hamburg statt. Am 1. April 1933 bereits organisierten die Nazis den ersten Kaufboykott gegenüber jüdischen Geschäften. 1938 zerstörten sie ein bis zwei Dutzend Schaufensterscheiben von Läden auf dem Steindamm und die »Synagoge Agudas Esauw zu Hamburg St. Georg e.V.« am Steindamm 77. Die »Arisierung« von St. Georger Geschäften und Apotheken und schließlich die Deportation jüdischer Nachbarn ab 1941 folgten.

Der von den Nazis systematisch herbeigeführte Krieg kam bald in die St. Georger Wohnstuben zurück. Am 5 Juli 1940 zerstörte die erste Bombe auf den Stadtteil das Gebäude Steindamm 42/44 und damit das beliebte »Café Baur«. Während St. Georg-Süd, d. h. Hammerbrook und Klostertor, während der Bombardements Ende Juli/August 1943 zu mehr als 90% ausradiert wurden, blieb St. Georg-Nord weitgehend erhalten.

1945: Befreiung

Als am 3. Mai 1945 britische Verbände an den Trümmern vorbeirollten, galten sie den Überlebenden weniger als Befreier, denn als »Besatzer«. Der Ausnahmezustand setzte sich im Alltag fort, die Versorgung mit Unterkünften, Nahrung, Kleidung, später Heizmaterial musste mühsam organisiert werden.

Am Hansaplatz und in den angrenzenden Straßen bildete sich ein Zentrum des Hamburger Schwarzmarkts. Das Angebot war vielfältig, es reichte von Margarine und Zucker über gefälschte Lebensmittelmarken bis hin zu Benzin und Penicillin. Die Militärregierung und die deutschen Behörden reagierten mit Razzien und Kriminalisierung der Händler.

Der Wohnraummangel wurde verschärft durch die Flüchtlinge und Heimkehrer, die in den verbliebenen Wohnungen untergebracht werden mussten bzw. in öffentlichen Gebäuden Notunterkünfte fanden (Biberhaus, Luftschutzräume unter dem Hachmannplatz, ehemalige Jahn-Halle auf dem heutigen ZOB-Gelände). Da es an Baumaterial fehlte, ließen sich keine Neubauten verwirklichen.

Fünf Jahre nach Kriegsende galt St. Georg als trümmerfrei. Im Stadtteil lebten lediglich noch 21.000 Menschen. Erstmals arbeiteten mehr Menschen (22.400) in St. Georg als dort lebten. Nach und nach wurden die Baulücken geschlossen. Die letzten Überbleibsel aus der unmittelbaren Nachkriegsbebauung sind vereinzelte eingeschossige Flachbauten (z. B. am Steindamm), die damals auf Trümmergrundstücken schnell errichtet wurden. Gänzlich neu entstanden unter anderem der ZOB am Carl-Legien-Platz, das Polizeipräsidium und die Neue Lombards- bzw. Kennedybrücke.

2001

Zwar wurden in den 50er und 60er Jahren zahlreiche zerstörte und beschädigte Häuser wieder aufgebaut bzw. instand gesetzt, unübersehbar war aber – aufgrund der zentralen Lage – die Verplanung St. Georgs als City-Erweiterungsgebiet. Die Errichtung öffentlicher und privater Verwaltungsgebäude, vor allem im Bereich nordöstlicher Steindamm/Berliner Tor, führte nicht nur zu einem unwirtlichen Charakter des Gebietes, sondern vor allem zur Verknappung des Wohnraums und zur Vertreibung der Bevölkerung. Der historisch gewachsene Charakter des Stadtteils, die Mischnutzung als Wohn- und Gewerbeviertel, blieb hauptsächlich im Bereich der Langen Reihe erhalten.

Gerade für dieses Gebiet präsentierte die Neue Heimat 1966 den spektakulären Plan eines »Alsterzentrums«. Dieser sah den Abriss aller Häuser vom Hansaplatz bis zum Straßenzug An der Alster vor. Stattdessen sollte ein zusammenhängender Hochhauskomplex mit bis zu 60 Geschossen hohen Wolkenkratzern, Wohnraum für 20.000 Menschen sowie 15.000 Arbeitsplätze entstehen.

In der Folge wurden keine Neubaugenehmigungen mehr erteilt, die Bodenpreise stiegen und die Hausbesitzer, in Erwartung von Abrissen, verzichteten auf Instandhaltungs- oder gar Modernisierungsmaßnahmen. Von 1969 auf 1975 sank die Zahl der EinwohnerInnen von 17.000 auf 10.000. Vom »Alster-Manhattan«, einst als städtebauliches Konzept der Zukunft gepriesen, wurde 1973 jedoch – glücklicherweise – endgültig Abstand genommen. Dies bedeutete auch eine Absage an das Konzept brachialer Flächensanierung.

Die ab 1978 eingeleitete »behutsame« Sanierung hat mancherorts die bauliche Wohnqualität erheblich verbessert. Aber sie führte eben auch zur Steigerung der Attraktivität des Viertels für besser gestellte Personen, damit auch zu steigenden Mieten. St. Georg ist schicker geworden. Für die Lebensqualität seiner BewohnerInnen und die Zukunft »ihres« Stadtteils besagt das jedoch wenig.

2021

Nach Abschluss der Sanierung beidseits der Langen Reihe folgte das „Entwicklungsgebiet St. Georg Mitte“, mit Fokus auf dem südlichen Teil St. Georgs. Begleitet durch den Stadtteilbeirat wurden mit Landes- und Bundesmitteln drei größere Projekte verfolgt und umgesetzt: Die Ausweitung des Lohmühlenparks Richtung Berliner Tor, die Umgestaltung des Hansaplatzes sowie die Erneuerung des Hauses der Jugend als Integrations- und Familienzentrum „Schorsch“.

Wurden im Zuge der „behutsamen Sanierung“ in den achtziger Jahren noch hauptsächlich öffentlich geförderte Wohnungen errichtet, so werden nunmehr in erster Linie hochpreisige Miet- und Eigentumswohnungen gebaut (Alstercampus, ehemaliges 1000-Töpfe-Gelände), ganz abgesehen von den Umwandlungen von ehemals preisgünstigen Altbau- in (luxus-)modernisierte Eigentumswohnungen. Die 2012 mindestens 10 Jahre zu spät erlassene soziale Erhaltungsverordnung kann da nicht mehr viel ausrichten. Der ehemalige soziale Brennpunkt ist nach der Hafencity heute der Stadtteil mit dem zweithöchsten Pro-Kopf-Einkommen im Bezirk Mitte.