Hamburger Morgenpost, 14.3.2006

Von Till Stoppenhagen

 

ANWOHNER IN ST. GEORG SCHLAGEN ALARM

Hilfe, unsere Mieten explodieren!

Wut in St. Georg: Um bis zu 20 Prozent Mieterhöhung müssen sich einige Anwohner des Viertels gefallen lassen. Der Grund: Nach dem letzten Anstieg des Mietspiegels wurde ein großer Teil des Viertels zwischen der Langen Reihe und der Alster als "gute Wohnlage" eingestuft. Nachvollziehen kann das kaum jemand - abgesehen von der zuständigen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die dafür verantwortlich ist.

"Die gängigen Kriterien für eine gute Wohnlage sind nicht gegeben", hält Rechtsanwalt Helmut Voigtland, Vorsitzender des Bürger vereins St. Georg von 1880, dagegen. "Zu einer guten Wohnlage gehören stadtbildbestimmende Grünanlagen, wenig Lärm und wenig Abgasbelastung. Die Neueinstufung ist ungerecht."

Die Baubehörde hingegen hält die Beliebtheit des ehemaligen Junkie-Viertels für das wichtigere Kriterium bei einer Neueinstufung. "Das größte Gewicht liegt auf dem Namen der Adresse", erklärt Pressesprecherin Helma Krstanoski. "Wie begehrt ist eine Adresse? St. Georg ist eine der Toplagen in Hamburg, es liegt nahe an der Alster und wurde durch Sanierungen stark aufgewertet."

Für Michael Joho vom Einwohnerverein St. Georg stellt sich dabei die Frage, für wen aufgewertet wurde: für die Menschen im Viertel oder für den Stadtteil als Adresse für Besserbetuchte. Die Stadt habe es zugelassen, dass ein familienfreundliches Wohnprojekt in der ehemaligen Volksschule in der Koppel scheitert - zu Gunsten teurer Eigentumswohnungen. "Anstatt im Interesse der Mieter steuernd einzugreifen, hat sich die Stadt gesagt: ,Jetzt holen wir raus, was durch die Aufwertung rauszuholen ist!' Aber dann soll die Stadt auch zugeben, dass sie eine andere Bevölkerung in St. Georg haben will."

Ähnlich sieht es Anwohner Bernhard Homann. Er hat Angst, aus seinem Viertel verdrängt zu werden. Nachdem die Miete für seine Wohnung um 20 Prozent erhöht wurde, ist für ihn die Schmerzgrenze erreicht: "Mehr kann ich wirklich nicht bezahlen." Es wäre ein schwerer Abschied: Der Filmausstatter wohnt seit 1980 in der Koppel 100.
Bernhard Homann wohnt seit 1980 in der Koppel 100, fühlt sich nun aus dem Viertel gedrängt