100 Jahre Hamburger Gewerkschaftshaus

Von Michael Joho

 

Das Jahr 1906 war zweifellos eines der bewegtesten in der Hamburger Geschichte. Mit einem politischen Knall war es in der Stadt gleich am 17.1.1906 los gegangen, fand an diesem Tag doch der erste politische Generalstreik Deutschlands statt. Er richtete sich gegen den „Wahlrechtsraub“, d. h. gegen den Ausschluss von Kleinverdienern, also vor allem der sozialdemokratisch eingestellten Arbeiterklasse von politischen Wahlentscheidungen. So ganz anders motiviert war am 2.6.1906 die Enthüllung des Bismarck-Denkmals an der Helgoländer Allee, und wieder ganz anders die Einweihung der Synagoge am Bornplatz am 13.9. Es folgten am 5.12. die Eröffnung des Hauptbahnhofs an der Kirchenallee mit seiner damals größten Bahnhofshalle in Deutschland und als glorreicher Abschluss die Einweihung des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof am 29.12.1906.

Schon seit 1894 hatten die Gewerkschaften Überlegungen getätigt, für ihre im Anwachsen begriffenen rund 36.700 Mitglieder (1900) Verwaltungsbüros zu schaffen. Ebenso bedurfte es aber auch großer Versammlungssäle und nicht zuletzt einer Herberge für die ca. 10.000 reisenden Gesellen und Arbeiter (1893), die als Organisierte Anspruch auf Unterstützung hatten. Aber erst 1904 wurde es Ernst: Der Gründung einer Gewerkschaftshaus Hamburg GmbH folgte der Ankauf eines Geländes am Besenbinderhof. Mitbeteiligt waren die Konsum-, Bau- und Sparvereinigung „Produktion“ und die SPD, vor allem deren I. Wahlkreis, in dessen Einzugsgebiet das Gewerkschaftshaus dann innerhalb von 15 Monaten errichtet wurde. Die Einweihungsrede hielt der Führer der Sozialdemokratie, August Bebel (1840-1913), der über Hamburgs I. Wahlkreis ab 1883 fast durchgängig bis zu seinem Tod in den Reichstag gewählt wurde.  Von ihm stammt das geflügelt Wort von der „geistigen Waffenschmiede, wo nicht nur die Kämpfe zur Verbesserung  der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter beschlossen, sondern auch die Kriegspläne beraten werden, wie dem Proletariat dauerhaft geholfen werden kann“.

Binnen kürzester Zeit entwickelte sich das Gewerkschaftshaus zum Zentrum längst nicht nur der hamburgischen Arbeiterbewegung: Hier wurde 1907 der örtliche Arbeitersamariterbund konstituiert, 1918 quartierte sich kurzfristig der Arbeiter- und Soldatenrat ein, 1919 tagte die Gründungsversammlung der Volksbühne, 1923 die der Sozialistischen Arbeiterinternationale, auf dem ADGB-Bundeskongress. 1928 stellte Fritz Naphtali (1880-1961) das für die deutschen Gewerkschaften so wichtige Konzept der „Wirtschaftsdemokratie“ vor. Noch wichtiger für die Hamburger Arbeiterschaft war sicherlich, einen Treffpunkt zu haben, zu dem die GenossInnen strömten, wenn es irgendwo in der Stadt politisch brannte. 5 bis 8000 Menschen fanden im Haus Platz, und reichte der nicht, versammelten sich die Übrigen auf dem Besenbinderhof.

Am 2.5.1933 machten de Nazis Schluss damit. Tags zuvor hatten sie noch zur Teilnahme an ihrer „Maifeier“ im Stadtpark aufgerufen, unterstützt vom ADGB, der sich durch seine Anbiederung das Überleben der Organisationen erhoffte. Doch am 2. Mai stürmten SA und SS das Gewerkschaftshaus, nahmen die Funktionäre fest, verbrannten erst die alten Traditionsfahnen, später auch Teile der wertvollen Gewerkschaftsbibliothek. Für 12 Jahre wurde aus dem Gewerkschaftshaus nun das „Haus der Arbeit“, geführt von der „Deutschen Arbeitsfront“, die sich sämtliche Besitztümer der Gewerkschaften und deren Mitglieder einverleibte.

Als am 8.5.1945 in der Welt gerade die Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert wurde, saßen die überlebenden Antifaschisten aus SPD, KPD und kleineren Gruppierungen schon wieder im Gewerkschaftshaus. Hier gründeten sie auch offiziell am 11.5. die „Sozialistische Freie Gewerkschaft“ –  eine Antifa-Organisation der ersten Wochen, die eine Verknüpfung von gewerkschaftlicher und politischer Arbeit anstrebte – und davon ausging, nun auf den Trümmern der alten eine neue sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Doch ältere Funktionäre aus der Zeit der Weimarer Republik setzten bald wieder auf die Branchengewerkschaften, deren Zusammenschluss dann 1949 im DGB mündete. Wenn das Gewerkschaftshaus z.T. auch bereits ab dem 14.9.1945 den KollegInnen wieder zur Verfügung stand, nicht ohne dass an diesem Tag das DAF-Symbol (ein Hakenkreuz im Zahnrad) durch den Baugewerkschafter Paul Bebert (1893-1976) abgeschlagen worden wäre, sollte sich die Rückübertragung aus dem Zugriff  der britischen Besatungsmacht noch bis 1949 verzögern.

In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde das Gewerkschaftshaus wieder zur Organisations- und zum Anlaufpunkt der meisten Hamburger Verbände, zuletzt beim Ver.di-Streik im Frühjahr 2006, als sich hier jeden Morgen Hunderte StreikaktivistInnen trafen, um die Aktionen für den Tag zu beraten. Auch die Maidemonstrationen fanden auf dem Besenbinderhof oftmals ihren Auftakt oder Abschluss. Noch einmal besetzt wurde das Gewerkschaftshaus am 4.5.1980. Dieses Mal waren es allerdings 3 bis 4000 GewerkschafterInnen, die durch ihre Präsenz eine Veranstaltung der rechtsextremistischen DVU in der Gaststätte des Hauses verhinderten.

In jüngster Vergangenheit stellt sich das Gewerkschaftshaus nicht nur angestrahlt und generalüberholt dar. Die Ausstellungs- und Veranstaltungshäufigkeit hat spürbar zugenommen, das Foyer wurde auf Vordermann gebracht, und zur Jahreswende 2005/06 ist ein Kulturverein Gewerkschaftshaus ins Leben gerufen worden, der mit Ausstellungen, Veranstaltungen, Konzerten und sonstigen Aufführungen lockt. Dass sich zudem „das Gewerkschaftshaus“ und seine MitarbeiterInnen weiterhin um Fragen der Interessenvertretung, Rechtshilfe, Bildungsangebote, Frauen- und Tarifpolitik  etc. kümmern, liegt auf der Hand. Wozu u.a. die Mobilisierung von allein 2000 KollegInnen für die Teilnahme an der Berliner DGB-Großdemonstration gegen die „Gesundheitsreformen“ usw. zählte. 

Es tut sich also wieder etwas am Besenbinderhof!

(Dezember 2006)